Sonntag, 18. August 2019

01.04.2019Verband

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Bittner bittet Sühl nach Suhl

Routiniert führte Harry Bittner, Vorsitzender des Thüringer Fahrlehrerverbandes, durch die Mitgliederversammlung
© Foto: Michael Simon

Unterschiedlicher hätten die Mitgliederversammlungen des Thüringer Fahrlehrerverbands nicht sein können. Fühlte sich die Veranstaltung 2018 im Thüringer Wald bei Suhl noch an „wie am Nordpol“, verglich der Vorsitzende Harry Bittner die äußerliche Wetterlage 2019 mit der des Äquators. Inhaltlich wiederum ging es drinnen, im Ringberg Hotel, weder frostig noch hitzig zu, sondern weitgehend ausgewogen temperiert.

Vier wichtige Themen für den Verband im Jahr 2019 identifizierte Bittner in seinem Eröffnungsvortrag. Zuerst bezog er klar Stellung für den verpflichtenden Theorieunterricht, nachdem vereinzelte Fahrschulunternehmen im Bundesgebiet deren Sinnhaftigkeit in Abrede gestellt hatten. Das Kostenargument der Befürworter, der Führerschein werde günstiger, weil Unterrichtsräume und Lernmedien eingespart werden könnten, ließ Bittner nicht gelten. Präsenzunterricht habe eine „gesellschaftliche Bedeutung“, weil Fahrschüler in der Gruppe für den Straßenverkehr sozialisiert werden. Nur im Theorieunterricht würde sich ihnen der Sinn von Verkehrsregeln erschließen.

Zweitens legte der Vorsitzende den Thüringer Fahrlehrern nahe, sich die Anwenderhinweise zu den Fahrerassistenzsystemen (FAS) vor dem 1. April 2019 noch einmal zu vergegenwärtigen. Ab dann können die FAS, sofern der Fahrschüler sich für deren Einsatz entscheidet, nach zwei Bewertungsgrundsätzen – einmal beim assistierenden, einmal beim teilautomatisierten Fahren – Bestandteil der fahrpraktischen Prüfung werden. Zwei Jahre später, zum 1. April 2021, fließt der Fahraufgabenkatalog in die Prüfungsrichtlinie ein. Bittner empfahl, drittens, hierfür Weiterbildungen des Verbands in Anspruch zu nehmen. Zu guter Letzt kritisierte er die Umsetzung der Fahrlehrerrechtsreform: Die Formalüberwachung, beispielsweise, würde in vielen Thüringer Fahrschulen nach wie vor sechs Stunden in Anspruch nehmen, während in anderen Bundesländern bereits (wie durch die Reform beabsichtigt) ein stärkerer Fokus auf die pädagogische Überwachung gelegt werde. Bittner forderte außerdem mehr gut ausgebildete Prüfer, damit Fahrlehreranwärter nicht ein halbes Jahr auf ihre Prüfung warten müssen.

Ministerium begrüßt freiwillige Fahr-Checks

Dr. Klaus Sühl, Staatssekretär für Infrastruktur und Landwirtschaft, dankte Bittner für die Kritik und ermunterte die Fahrlehrer, sich an ihn oder die Ministerin Birgit Keller zu wenden, sobald Probleme im Berufsstand auftauchen, „denn dafür sind wir da“. Sühl lobte die gute Ausbildung der Fahrlehrer, die ihren Anteil daran hätten, dass heute rund dreimal weniger Menschen auf Thüringens Straßen sterben als noch im Jahr 2000. Auch wenn ältere Menschen häufiger an Verkehrsunfällen beteiligt sind, möchte sein Ministerium die Menschen über 65 Jahre nicht unter Generalverdacht stellen und sieht von altersbedingten Checks ab. Gleichwohl rief er die Fahrlehrer auf, sich Aktionen für freiwillige Fahr-Checks auszudenken, und bot sich im gleichen Atemzug für einen werbe- und öffentlichkeitswirksamen Auftritt mit Presse und Rundfunk an.

Optionsmodell für Fahranfänger

Das elektronische Prüfprotokoll bewertete Sühl positiv, denn es könne für die Weiterentwicklung der Fahrausbildung und damit für die Erhöhung der Fahranfängersicherheit nutzbar gemacht werden. Hierzu soll auch das Optionsmodell beitragen, das die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) mit Experten erarbeitet hat: Nach bestandener Theorie- und fahrpraktischer Prüfung sollen drei Möglichkeiten zur Wahl stehen, mit einem Maßnahmenbündel, das am besten zur jeweiligen Lebenssituation der Fahranfänger passt. 1. Verlängerte Probezeit von zwei auf künftig drei Jahre. 2. Probezeit verkürzen durch begleitetes Fahren. Oder 3. Probezeit verkürzen durch edukative Maßnahmen wie zum Beispiel Feedback-Fahrten mit einem Fahrlehrer einige Monate nach der Führerscheinprüfung. Bei den neuen Maßnahmen gehe es um die Verdeutlichung des „Noch-Anfänger-Seins“. Die Verkehrsministerkonferenz hat im Herbst 2018 einstimmig dafür gestimmt, dass dieser Projektgruppenvorschlag in ein Rechtsetzungsverfahren überführt wird. Vorgesehen ist eine fünfjährige bundesweite Erprobungsphase mit begleitender Evaluation.

Am Optionsmodell arbeitete Dietmar Sturzbecher maßgeblich mit. Der Professor vom Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam erläuterte dem Auditorium, warum es wichtig sei, ein neues Curriculum für den Berufsstand zu entwickeln. Mit dessen Erarbeitung haben sein Team und Kooperationspartner (Universität des Saarlandes, TÜV/Dekra arge TP21 Dresden) vor kurzem begonnen. Durch die Auswertung der Fahrausbildung in 14 Ländern hat sich herausgestellt, dass in Deutschland ein wichtiger Inhalt unzureichend verankert ist: die Verkehrswahrnehmung und Gefahrenvermeidung. Dazu wurde in einem BASt-Projekt bereits eine Grundlageneinheit für den Theorieunterricht erarbeitet. Darauf aufbauend haben das Land Brandenburg und das Institut für Prävention und Verkehrssicherheit Kremmen eine vertiefende Einheit entwickelt, um Fahrschüler für regionale Gefahrenstrecken zu sensibilisieren (https://regioprotectbrandenburg.de/). Gleichzeitig erläuterte Prof. Sturzbecher, dass eine begleitende Lernstandsdiagnostik für die Fahrausbildung unerlässlich sei. Er erachtet die Verzahnung von Präsenzunterricht und E-Learning als wichtig, weil durch das Blended Learning die Lernzeit für den Fahrschüler verlängert wird.

Herausforderungen: Jugend im Wandel

Der Theorieunterricht sei auch deshalb wichtig, um gesellschaftliche Werte zu besprechen, die das soziale Miteinander regeln. Diese seien nicht mehr so selbstverständlich wie früher, was zum einen an einem steigenden Anteil an Jugendlichen mit Migrationshintergrund mitsamt kulturellen Unterschieden liegt. Zum anderen aber auch an einem Wandel im Erziehungssystem, in dem Jugendliche heute viel mehr Freiheit genießen, gleichzeitig aber erst einmal lernen müssen, Verantwortung zu übernehmen. Diese neuen Herausforderungen anzunehmen und auch den exzessiven Konsum der Jugendlichen von digitalen Medien in den Unterricht sinnvoll einzubeziehen, sei Aufgabe der Fahrlehrerschaft.

Einen Überblick über die Prüfungsergebnisse der TP gab Dr. Andreas Schmidt. In Thüringen stieg sowohl die Anzahl der theoretischen (3,3 Prozent), als auch die der praktischen Prüfungen (5,9 Prozent). Dazu hätten Umschreibungen und der Führerschein-Ersterwerb durch Migranten beigetragen. Auch weil die Erfolgsquote bei Paragraf-31-Umschreibern binnen vier Jahren von 55,9 auf 44,7 Prozent in den Dekra-Ländern gesunken ist, komme es bei Terminen zu fahrpraktischen Prüfungen zu längeren Wartezeiten. Besserung verspricht sich Schmidt daher auch von der zum 19. März 2019 in Kraft getretenen Regelung, wonach sich Fahrlehrer vor der Prüfung davon zu überzeugen haben, ob der Kandidat die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringt.

Kopp: Neuen Möglichkeiten offen begegnen!

Den öffentlichen Teil der Mitgliederversammlung schloss der 2. stellvertretende Vorsitzende der Bundesvereinigung, Jürgen Kopp. Er legte den Thüringer Fahrlehrern Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung dar. Um begreifbar zu machen, wie rasant und umfassend sich unsere Lebenswirklichkeit momentan ändert, gab Kopp dieses Beispiel: Im Jahr 2017 hätte die Menschheit mehr Daten produziert, als in ihrer gesamten Geschichte bis 2016 zusammen. Die Digitalisierungsflut ermöglicht gänzlich neue Geschäftsmodelle, wie zum Beispiel jene, dass das größte Taxiunternehmen der Welt – Uber – keine eigenen Taxis besitzt oder der größte Warenhändler – Alibaba – keine Waren.

„Diese Entwicklung macht auch vor uns nicht Halt“, warnte Kopp. Viele Bereiche in der Fahrschulverwaltung seien ja bereits digitalisiert und automatisiert, was den Alltag erleichtert habe. Kopp wünschte sich, dass die Fahrlehrer neuen digitalen Möglichkeiten, wie zum Beispiel dem Blended Learning, offen gegenüber stehen und gleichzeitig den Präsenzunterricht weiterentwickeln und modern gestalten sowie neue Themen wie FAS vertiefen. „Wir müssen den Umgang mit Fahrerassistenzsystemen und automatischen Fahrfunktionen in unsere Ausbildung integrieren“, forderte Kopp. Der Präsenzunterricht sei nach wie vor wichtig, um Sozialkompetenz im Straßenverkehr zu entwickeln. „Fahrlehrer können den digitalen Wandel im Straßenverkehr mitgestalten. Die komplexe Welt bietet uns breit gefächerte Chancen“, ist Kopp überzeugt.

Keine Chatbots bei der Fahrlehrerversicherung

Auch im Vortrag der Fahrlehrerversicherung war das Thema Digitalisierung omnipräsent. Vorstandsmitglied Stefan Kottwitz beschrieb den Fahrlehrern, wie die berufsständische Versicherung einerseits mit digitalen Informationen automatisierte Prozesse entwickelt und andererseits den Menschen im Mittelpunkt belassen möchte. „Chatbots wie bei anderen Versicherungen wird es bei uns nicht geben“, versprach er.

Generell sei im Versicherungsmarkt zu beobachten, dass der Kunde Simplifikation wünscht, sprich leicht verständliche Angebote, und Personalisierung, also individualisierte Angebote. Und auch kurzfristige Dienstleistungen liegen hoch im Kurs, zum Beispiel eine Teilkasko- für eine Woche auf eine Vollkaskoversicherung auszuweiten, wenn ein Roadtrip ansteht, für den der Kunde besser versichert sein möchte. Gewissermaßen Versicherung „on demand“.

Derzeit arbeite die Fahrlehrerversicherung am Schaden-Tracking. Ab dem kommenden Jahr können Kunden dann den aktuellen Bearbeitungsstand ihrer Anfrage jederzeit online einsehen. Die Priorität liege im Moment auf dem neuen Bestandsführungssystem, verriet Kottwitz.

Volkswagen: Weniger Schaltggetriebe

Sponsor der Versammlung war die Volkswagen AG, die durch Jens Kotschwar repräsentiert wurde. In seinem Grußwort kündigte Kotschwar an, dass der T-Roc und der Polo ab Mitte 2019 ab Werk mit Doppelpedalerie zu haben sind. Das kleinere SUV T-Cross, das ab Mai in den Markt eingeführt wird, wird voraussichtlich keine Fahrschulpakete ab Werk haben.

Des Weiteren legte Kotschwar dar, dass Volkswagen mit der Fortsetzung von WLTP – er nannte es WLTP 2.0 – noch lange beschäftigt sein wird. Das habe zur Folge, dass das „Angebotsportfolio massiv gestrafft“ werden müsste. Der Tiguan werde komplett aus dem Fahrschul-Sortiment gestrichen; beim Golf, Golf Variant, Golf Sportsvan, Polo und T-Roc werden zum Modelljahreswechsel 2019/2020 annähernd alle Schaltgetriebe aus dem Portfolio genommen.

(ms)

 

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