Samstag, 18. November 2017

22.06.2017Verband

drucken email

70 Jahre Mut und Weitsicht

Vorstand Hessen
Der Vorstand des Fahrlehrerverbands Hessen (v .l.): Frank Dreier, Vorsitzender Lothar Toepper und Jörg Heisch, der zum neuen 1. Stellvertretenden Vorsitzenden gewählt wurde
© Foto: Ulrich Lieber

Rund 50 engagierte Fahrlehrer hätten damals den Verband gegründet und das Fundament gelegt, das bis heute besteht. „Die Kollegen haben damals Mut und Weitsicht bewiesen“, sagte Toepper. Sie hätten sich nicht beirren lassen, auch nicht von den Besatzungsmächten sowie einer zweimaligen Ablehnung des Gründungswunsches. „Das hat mich wirklich stolz gemacht, auch stolz, dass wir heute nach 70 Jahren uns hier versammelt haben.“ So werde die Geschichte weiter geschrieben.

Broschüre zum 70. Jubiläum

„Das waren aufregende Zeiten“, sagte Toepper. Auch in anderen Bundesländern gründeten sich Fahrlehrerverbände, die Mitgliederzahlen stiegen und alle gemeinsam waren der Ansicht, dass Fahrlehrer für die Versicherung ein besonders niedriges Risiko seien. „So wagten es 1952 rund 50 Kraftfahrlehrer, einen Gründungsstock von 1,1 Millionen D-Mark aufzubringen, um einen eigenen Versicherungsverein zu gründen.“ Viele hätten mit ihrem Privatvermögen gehaftet. Bis heute sei die Versicherung dem Gründungsgedanken treu geblieben, auch nach 65 Jahren bestehe der Aufsichtsrat der Fahrlehrerversicherung immer noch aus Fahrlehrern. Lothar Toepper hat extra zum runden Geburtstag des hessischen Verbandes eine Broschüre zusammengestellt, die die 70 Jahre noch einmal kurz Revue passieren lässt. „Sobald die Broschüre fertig ist, schicke ich sie Ihnen zu.“

Zahl der Kunden und Fahrschulumsätze gestiegen

Im aktuellen Jahresbericht ging Toepper auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein, die sich positiv entwickelt hätten. „Entgegen den Prognosen aus dem Jahre 2013 hat sich die Langzeitprognose der Zahl der 17-Jährigen deutlich erhöht.“ Darum könne man zuversichtlich in die Zukunft schauen. Auch die Zahl der Kunden und der Umsatz der Fahrschulen seien gestiegen.

Dabei habe sich die Einführung der zwölften Fremdsprache „Hocharabisch“ positiv ausgewirkt. „Nicht nur was die Anzahl betrifft, sondern auch die Bestehensquote. Hocharabisch ist nach Russisch die zweitbeste Fremdsprache, was die Bestehensquote betrifft.“

In Hessen seien so rund 5,6 Prozent mehr theoretische Prüfungen absolviert worden, allerdings habe sich die Durchfallquote in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert. Dennoch liege Hessen bei der Bestehensquote im theoretischen Bereich gemeinsam mit Schleswig-Holstein an der Spitze und in der praktischen Prüfung sogar alleine ganz vorne. „Für mich gibt es dafür zwei Gründe. Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, bilden nicht nur im theoretischen, sondern auch im praktischen Unterricht sehr gut aus. Der zweite Grund, an der Schnittstelle zur Fahrerlaubnisprüfung leistet der TÜV Hessen mit seinen Fahrerlaubnisprüfern kompetente und gute Arbeit.“

Schülern die Assistenzsysteme erklären

Vor Toeppers Jahresbericht war bereits Ministerialrätin Erika Hoffmann vom hessischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung auf die aktuelle Lage eingegangen. Sie dankte den Fahrlehrern für deren zuverlässige Arbeit. „Sie müssen vieles aus dem Elternhaus abfangen“, vermutete sie. „Die Verkehrsbilanz zeigt, dass Sie hervorragende Arbeit leisten. Aber es kommen große Veränderungen auf Sie zu.“ Damit sprach sie auch das ab dem 1. Januar 2018 in Kraft tretende neue Fahrlehrergesetz an. „Das Gesetz hat alle parlamentarischen Hürden genommen“, sagte Hoffmann. „Parallel dazu sind im Moment im Verfahren die gesamten Verordnungen zum Fahrlehrergesetz. Am 7. Juli wird der Bundesrat über diese Verordnungen beraten und beschließen“, teilte sie mit.

Nach den Eckpunkten und Details zur Fahrlehrerrechtsreform ging Hoffmann auf das autonome Fahren ein. Die Werbung suggeriere, dass künftig im Auto gelesen oder gespielt wird und das Auto alleine fährt. „Ich kann vor so einer Werbung nur ausdrücklich warnen. Es wird weiterhin bei der Regelung bleiben, dass derjenige, der am Steuer sitzt, auch die Verantwortung zu tragen hat.“ Im Falle eines Unfalls sei dann der Fahrer verantwortlich und nicht der Computer. „Machen Sie das den Fahrschülern deutlich, dass sie nicht von der Verantwortung befreit sind“, appellierte die Ministerialrätin an die Fahrlehrer. Außerdem bat sie darum, den Schülern die Assistenzsysteme zu erklären, vor allem die, die die Längs- und Querführung betreffen.

Neues Fahrlehrergesetz eine „radikale Entrümpelung“

Bevor Gerhard von Bressensdorf in sein Referat einstieg, gratulierte er dem Verband zum 70. Geburtstag. Anschließend ging der BVF-Vorsitzende zunächst auf die aktuelle Situation der Fahrschulen ein und machte deutlich, dass der Trend zu immer größeren Fahrschulen geht. „Das ist auch das Kernproblem Ihrer Verbände“, sagte von Bressensdorf, denn es seien viele Fahrschulen weggebrochen und damit auch die Mitgliederzahlen gesunken. Die großen Betriebe würden nur noch einen Fahrlehrer in den Verband schicken, der alle wichtigen Informationen erhalte und die anderen profitieren lasse.

Natürlich nahm von Bressensdorf zum neuen Fahrlehrergesetz Stellung und sprach dabei auch direkt Ministerialrätin Erika Hoffmann an. „Das neue Gesetz stellt eine radikale Entrümpelung dar, mit vielen guten und vielen neuen, sinnvollen Änderungen. Es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn Sie den Vermittlungsausschuss angerufen hätten, denn dann wäre eine fünfjährige Arbeit umsonst gewesen.“ Auch wenn viele Punkte nicht wunschgemäß umgesetzt worden seien, seien doch auch viele Punkte da, die den Fahrlehrern ganz erheblich weiterhelfen. Trotz aller Kritik zeigte sich von Bressensdorf froh darüber, dass das neue Gesetz kommt, auch wenn nicht alles wunschgemäß umgesetzt worden sei. „Aber ich habe die feste Zusicherung, es wird nachgebessert, sobald man feststellt, es funktioniert nicht.“

Abschließend ging von Bressensdorf noch kurz auf das autonome Fahren ein. „Die Schnelligkeit der Datenverarbeitung und des Datenhandlings werden gigantisch steigen und ich möchte Sie einfach bitten, öffnen Sie sich dieser Veränderung. Denn wir Fahrlehrer werden das nicht aufhalten.“ Von Bressensdorf wünschte sich, dass die Fahrlehrer die digitale Welt nicht verschlafen. „Was wir brauchen, ist die Ermächtigung, uns auf die Digitalisierung intensiv vorzubereiten, da brauchen wir ein bisschen gesetzlichen Rückhalt. Das bedeutet, dass Fahrerassistenzsysteme in den Unterricht und in die Prüfung sinnvoll eingebaut werden müssen.“

Papierlose Fahrerlaubnisprüfung als Ziel

Uwe Herrmann vom TÜV Hessen nahm die Fahrlehrer in die digitale Fahrerlaubniswelt mit. Bereits 2008 habe es die Einführung der PC-Theorieprüfung gegeben. „Das war der erste Schritt in Richtung Digitalisierung.“ 2014 seien die bewegten Bilder in Form von Videosequenzen dazugekommen. Derzeit bewege man sich in großen Schritten hin zum neuen Format 16:9. Parallel dazu sei 2008 das FE-Portal eingerichtet worden, das sich aber nun ebenfalls stark verändern wird. Es soll zur Kommunikationsplattform zwischen Fahrschule und TÜV ausgebaut werden, auf der auch alle Termine online geregelt werden können. Im Bereich der Online-Bezahlfunktionen gebe es derzeit noch ein paar gesetzliche Probleme, die aber bald ausgeräumt sein sollen.

Die Auftragsbearbeitungszeiten sollen wesentlich reduziert, die Datenqualität verbessert werden, um die Fehlerquellen zu verringern. „Damit einhergehend ist die Übermittlung des Passbildes des Bewerbers“, erklärte Herrmann. Damit sollen auch die Betrugsversuche eingedämmt werden. Der PC beziehungsweise das Tablet werden Einzug in die praktische Prüfung halten, denn der Prüfer wird künftig das Tablet mit im Auto haben. „Letztlich ist die Zielsetzung von uns allen zusammen die papierlose FE-Prüfung vom Antrag bis zur Fahrerlaubnis.“

„Die Welt wird digital neu verteilt“

Lothar Toepper hatte für die Mitgliederversammlung einen besonderen Gast engagiert: Karl-Heinz Land, den Gründer der Strategieberatung „neuland“. Land berät Unternehmen in Fragen der digitalen Transformation. Sein fast 75-minütiger Vortrag machte deutlich, wie rasant die Entwicklung in der digitalen Welt ist und dass davon auch die Fahrlehrer betroffen sind.

Der Strategieberater stellte sein Referat unter den Titel: „Die Kraft der Digitalisierung, die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus.“ Die Welt werde gerade sehr in Richtung digitaler Welt neu verteilt, behauptet er. Land hat dazu drei Thesen entwickelt, die die Digitalisierung kennzeichnen. Die 1. These lautet: „Alles was sich digitalisieren lässt, wird auch digitalisiert.“ Die 2. These: „Alles was vernetzt werden kann, wir auch vernetzt werden.“ – Stichwort: „Internet der Dinge“. Die 3. These: „Wenn es vernetzt ist und digitalisiert, kann es auch automatisiert werden.“ Damit war der Strategieberater beim selbstfahrenden Auto angekommen.

Fahrschulen könnten neue Services anbieten

„Tesla ist jetzt die wertvollste Automobilmarke in Amerika, wertvoller als General Motors und Ford.“ In China sei vor zwei Jahren der neue Automobilhersteller Nio gegründet worden. „Der hat vor zwei Wochen auf dem Nürburgring den Rundenrekord aufgestellt, die schnellste je gefahrene Runde eines straßenzugelassenen Autos - aber es ist ein Elektromotor.“ Da stelle sich die Frage, was aus der deutschen Automobilindustrie werde. Und aus China heiße es, dass schon bis 2025 rund 70 Prozent der Mobilität Elektromobilität sei und davon vermutlich die Hälfte autonom fahrende Autos. „Der Wandel geht in rasanter Form.“

Alle ein bis zwei Jahre steigere sich die Leistung des Computers um das Tausendfache, darum sei unter anderem auch autonomes Fahren möglich. „Das passiert alles jetzt. Die Zukunft ist schon da. Sie ist nur noch nicht gerecht verteilt.“ Viele Dinge werden über Apps geregelt, vom Ticket über Autoschlüssel oder Bezahlsysteme werde alles digitalisiert. Das führe aber auch dazu, dass viele Arbeitsplätze wegfallen. Auf der anderen Seite entstünden neue Services. „Ich wette, dass Sie als Fahrschule neue Services für das Internet der Dinge kreieren können, für das die Kunden auch gerne bezahlen werden.“

„Plattform-Ökonomie“ als Tipp an die Fahrlehrer

„Der Konsument hat radikal sein Verhalten geändert, der will jetzt teilen statt besitzen.“ Viele Plattformen, die überhaupt nicht über eigene Produkte verfügen, würden die großen Firmen angreifen. „Das Produkt spielt keine Rolle, Du kannst mit ganz anderen Dingen viel mehr Geld verdienen.“ Gerade die Plattform-Ökonomie funktioniere sehr gut. „Warum machen Sie nicht Plattform-Ökonomie? Sie könnten das genauso gut“, wandte sich Land an die Fahrlehrer. „Machen Sie sich Gedanken.“

„Das, was da gerade passiert, ist ja erst der Anfang. Wir haben ja noch gar nicht kapiert, was da eigentlich losgeht. Wie wollen wir das managen, wie wollen wir das gestalten? Wir brauchen digitale Visionen.“ Dieser Wandel müsse gestaltet und zum eigenen Vorteil genutzt werden. Es sei eine Riesenchance für die Menschheit, um die Welt ökologisch zu retten.

Heisch als Nachfolger von Helmut Schmidt

Emotional wurde es in Friedberg, als Helmut Schmidt, der erste stellvertretende Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Hessen, sich im Rahmen der Mitgliederversammlung verabschiedete. Seit 2005 war er in dieser Funktion im Einsatz, nun macht er Platz für einen Jüngeren. „Für Helmut Schmidt stand immer das Wohl des Verbandes an erster Stelle. Er bleibt uns aber als Bezirksvorsitzender im Verband erhalten“, versicherte Lothar Toepper. Auch Gerhard von Bressensdorf dankte Helmut Schmidt. „Sie waren ein stiller, aufmerksamer Zuhörer, aber wenn Helmut Schmidt das Wort ergriffen hat in der Bundessitzung, dann haben alle aufmerksam zugehört, denn das war ein Fachmann, dessen Rat wir stolz und dankbar angenommen haben.“ Zu Schmidts Nachfolger wählten die Mitglieder den 48-jährigen Jörg Heisch, der sich mit 68 Stimmen gegen Aribert Kirch (25 Stimmen) durchsetzte.

(lie)

 

Aktuelle Magazin-Ausgabe

Ausgabe 11/17

Titelbild