Donnerstag, 22. Juni 2017

28.04.2017Verband

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Das Problem nach der fünften Prüfung

Kreie Bremen
Michael Kreie, Vorsitzender des Landes-Fahrlehrerverbandes Bremen, begrüßte die Teilnehmer der Mitgliederversammlung 2017 im Hotel Atlantic an der Galopprennbahn
© Foto: Tobias Rauser

Fünfmal durchgefallen – dann zum persönlichen Gespräch und anschließend zur MPU? Mit dieser Vorgehensweise eines Bezirksamtes in Bremen hat derzeit der Fahrlehrerverband Bremen zu kämpfen. Auf der Mitgliederversammlung 2017 im Bremer Hotel Atlantic an der Galopprennbahn berichtete der Vorsitzende Michael Kreie den rund 40 Fahrlehrern über den Stand der Diskussionen mit dem Ressort Umwelt, Bau und Verkehr der Hansestadt.

Konkret geht es um Fahrschüler, die die praktische oder theoretische Prüfung innerhalb eines Antragsverfahrens fünfmal nicht bestanden haben. Diese werden zur Behörde eingeladen und müssen in einem Gespräch mit der Leitung ihre Sichtweise darstellen. Dann entscheidet die Leitung, wie weiter verfahren wird – in rund 50 Prozent der Fälle wird eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet.

Diese Regelung gilt seit Juli 2016. „Deutschlandweit ist die Führerscheinstelle Bremen-Stadt das einzige Amt, das diese Verfahrensweise eingeführt hat“, kritisierte Kreie den Status Quo. Hier besteht seiner Meinung nach eine krasse Ungleichbehandlung von Fahrschülern. „Viele unserer Schüler in den Randbezirken kommen aus Niedersachsen. Wie erklären sie dem Bremer, dass er bei der Behörde antanzen muss und sein Kumpel aus Niedersachsen in der gleichen Fahrschule nicht?“

Leider verweigert das Amt die weitere Diskussion mit dem Fahrlehrerverband – und auch die Einladung zur Mitgliederversammlung schlugen die Verantwortlichen aus. Kreie kämpft dennoch weiter für eine Abschaffung dieser Regelung, die etwas über 100 Prüfungen pro Jahr betrifft. „Natürlich können bei Auffälligkeiten in der Prüfung im Einzelfall Gespräche folgen“, sagt er. „Aber eine generelle Regelung nach der fünften nicht-bestandenen Prüfung ist für uns als Fahrlehrerverband nicht tragbar.“

Kurt Bartels, 2. stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände und zu Gast in Bremen, sah das genauso. „So eine Herangehensweise kenne ich aus dem Rest der Republik nicht, das ist völlig befremdlich.“

Michael Kreie verwies vor den Teilnehmern auch auf ein weiteres Dilemma: „Wir haben ein großes Problem mit der Erreichbarkeit der Führerscheinstellen. Außerdem kommen Anträge zu spät zurück.“

Der Landesverbandsvorsitzende präsentierte seinen Mitgliedern aktuelle Zahlen. So hat der Verband zurzeit  120 Mitglieder, davon 58 Selbstständige, 25 angestellte Fahrlehrer, 27 Fahrlehrer im Ruhestand sowie 10 Gast- oder Fördermitglieder. „Wir konnten uns stabilisieren“, sagte Kreie.

Im internen Teil der Veranstaltung beschlossen die Fahrlehrer, in Zukunft in Bremen eine Schnuppermitgliedschaft für Neulinge anzubieten, die automatisch nach sechs Monaten endet und die nur 60 Euro kostet. „Bitte kommuniziert diese neue Möglichkeit in der Fahrlehrerschaft“, richtete Kreie einen dringenden Appell an die Teilnehmer.

Matthias Lorenz von Volkswagen stellte in Bremen aktuelle Fahrschulaktionen und Produktneuheiten seines Hauses vor. Neu in diesem Jahr ist etwa der Golf-PA TGI – der Erdgas-Golf. „Erdgas ist eine gute Option, die Kosten und den CO2-Ausstoß zu reduzieren“, warb Lorenz für das Fahrzeug, das eine Gesamt-Reichweite von circa 1400 Kilometern besitzt.

Lorenz sprach zudem ein für Fahrlehrer aktuelles und wichtiges Thema an: Fahrerassistenzsysteme. „Diese Systeme halten Einzug in mittlere und untere Fahrzeugklassen“, sagte Lorenz. Er sieht in diesem Bereich ein neues Geschäftsfeld für Fahrlehrer. Da diese die nötige Fachkompetenz, die entsprechenden Fahrzeuge sowie Kontakte zu Technik und Fahrern hätten, könnten und sollten Fahrlehrer Kunden der Fahrzeughändler schulen.

Zu den Fahrerassistenzsystemen hatte auch Bernd Rimpl vom TÜV Nord etwas zu sagen. Der Leiter der Technischen Prüfstelle hält es für geboten, Ausbildung und Prüfung zu modifizieren. „Die Zeit ist reif, Fahrerassistenzsysteme in der Prüfungsrichtlinie zu verankern“, forderte Rimpl.

Der TÜV-Mann hatte den Fahrlehrern Zahlen des TÜV Nord mitgebracht. Die Anzahl der Prüfungen ist in Bremen grundsätzlich stabil. Die Bremer Besonderheit: „Hier gibt es bei den praktischen Prüfungen eine sehr hohe Nicht-Bestehensquote“, erläuterte Rimpl. Diese liegt bei 38,5 Prozent, während der Bundesdurchschnitt nur bei 26,5 Prozent liegt.

Eine weitere Bremer Besonderheit: Das Begleitete Fahren mit 17 ist in der Hansestadt kein großes Thema – nur 22,9 Prozent (B und BE) der Fahrschüler wählten 2016 diesen Weg. Zum Vergleich: In Niedersachsen lag die Quote bei 48,1, in NRW bei 45,1 Prozent.  „Auch insgesamt ist das BF 17 eher rückläufig“, sagte Rimpl.

Wie es bei der Fahrlehrerversicherung im vergangenen Jahr gelaufen ist, berichtete Vorstandsvorsitzender Andreas Anft. Die Anzahl der Kfz-Risiken blieb etwa gleich, die Beiträge sind jedoch gestiegen. „Das liegt am hohen Wechsel im Fahrzeugbestand und der höheren Vollkasko-Quote“, sagte Anft. Insgesamt hatte etwa jeder vierte Kunde in 2016 einen Kfz-Schaden. Sorgen bereitet der Versicherung das Kapitalanlage-Ergebnis, das weiter sinkt. „Hier ist auch keine Änderung in Sicht“, prognostizierte er. Unterm Strich steht ein moderater Jahresüberschuss von etwa ein Prozent der Beitragseinnahmen.

Kurt Bartels von der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände informierte das Plenum über den neusten Stand in Sachen Fahrlehrerreform. „Das Gesetz ist im Großen und Ganzen durch“, verkündete er. Die stete Arbeit der Bundesvereinigung im Gesetzgebungsprozess habe sich ausgezahlt. „In den ersten Entwürfen gab es Regelungen, die uns alle in ärgste Bedrängnis gebracht hätten“, sagte Bartels. Auf Länder- und Bundesebene sei in den letzten Monaten erfolgreich versucht worden, „an den Stellschrauben zu drehen“.

Ein Beispiel sei die Fahrlehrerausbildung. Auch wenn nicht alles perfekt sei, gelte doch: „Die Ausbildung wird deutlich verlängert und umfangreicher“. Ein großer Teil des Zusatzstoffes werde dem Thema Fahrerassistenzsysteme gewidmet.

Ein Problem bleibt die Fahrschulüberwachung. „Es muss sichergestellt sein, dass in allen Ländern gleich überwacht wird“, appellierte Bartels an die Politik. Zudem gelte es, einheitliche Verfahren bei gleichen Verstößen zu entwickeln und eine Kostensteigerung zu verhindern. „Bisher ist Deutschland in Sachen Überwachung ein Flickenteppich“, bemängelte er.

In seinem Ausblick zum Thema Autonomes Fahren zeigte der stellvertretende BVF-Vorsitzende die Hürden auf. Diese sind derzeit noch hoch – vieles spricht noch gegen eine rasche Realisierung eines vernetzten Verkehrswelt ohne Beteiligung eines Fahrers. Bartels richtete den Fokus besonders auf den Menschen. Er könne sich nicht vorstellen, dass in zehn Jahren niemand mehr mit dem Motorrad eigenständig eine Spritztour machen wolle – oder die Italiener auf ihren geliebten (selbstgesteuerten) Roller verzichten werden.

Vor allem bei den Fahranfängern hat Bartels Bedenken. „Wenn ein frisch ausgebildeter Fahrschüler direkt in ein hoch-autonomes Fahrzeug steigt, wie will er dann Routine und Sicherheit bekommen, um in einer kritischen Situation wieder die sichere Kontrolle über den Pkw zu übernehmen?“, fragte er. Bartels ist sicher: „Unsere Kompetenz als Fahrlehrer wird auch in Zukunft absolut erforderlich sein!“

(tr)

 

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