Donnerstag, 21. September 2017

18.05.2017Verband

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Fahrlehrer als „Speerspitze“

MV Thüringen
Die Mitgliederversammlung des Fahrlehrerverbands Thüringen fand am 29. April in Weimar statt. Einen Tag zuvor hatten die Fahrlehrer die Gelegenheit, Workshops zu besuchen
© Foto: Thomas Cyganek

Bittner blickte zu Beginn der Mitgliederversammlung in Weimar auf Aktivitäten des vergangenen Arbeitsjahres zurück. Sein Verband nahm unter anderem teil am Thüringer Verkehrssicherheitstag in Erfurt, an der Jahreshauptversammlung der Landesverkehrswacht und arbeitete mit im Thüringer Verkehrssicherheitsrat. Außerdem gelang es, in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (TMIL) sowie dem Dekra, vier zusätzliche Prüforte für die Klasse AM zu schaffen.  

„Komplette Neuausrichtung des Berufs“

Aber auch in Zukunft gebe es viele Aufgaben, bei denen man mitreden müsse, führte Bittner aus: etwa bei der – so gut wie beschlossenen – Reform des Fahrlehrerrechts, beim elektronischen Prüfprotokoll, der elektronischen Lernstandsbeurteilung sowie beim europäischen Fahrerlaubnisrecht und den Fahrassistenzsystemen in Ausbildung und Prüfung. Bei den hier zu erwartenden technischen Veränderungen in den Jahren 2018 bis 2021 müssten Fahrlehrer die „Speerspitze“ bei der Schulung sein. Er erwarte eine „komplette Neuausrichtung des Berufes“, zumal es neue Ausstattungsanforderungen an Ausbildungs- und Prüfungsfahrzeuge gebe, sagte Bittner. „Der Fahrlehrer braucht deswegen ein hohes technisches Verständnis.“ Größtes Hemmnis für den Berufsstand sei nach wie vor die Automatikregelung. 

Politik setzt sich für AM 15 im Bundesgebiet ein

Andrea Friedrich, Regierungsdirektorin beim TMIL, berichtete in ihrem Grußwort zunächst von einem „historischen Tiefststand“: 104 Menschen hätten 2016 ihr Leben auf Thüringens Straßen verloren, elf weniger als 2015.  Auch die Unfallbeteiligung junger Fahrer sowie die Zahl der Personenschäden seien rückläufig. Ein weiteres wichtiges Thema für die TMIL-Vertreterin war AM 15: 6.500 junge Menschen nahmen laut Friedrich am Modellversuch in Thüringen teil. „Diese Zahl ringt uns Respekt ab“, sagte sie und wies darauf hin, dass es „keine expliziten Auffälligkeiten“ bei der Zahl der Unfälle gegeben habe. „Die Mobilität im ländlichen Raum soll gefördert werden, deshalb ist AM 15 für Flächenländer wie Thüringen interessant.“ Vieles spreche für AM 15 als Dauerrecht im gesamten Bundesgebiet. „Wir werden das unterstützen“, versicherte Friedrich den Fahrlehrern, die ihr mit Beifall dankten.

Talsohle durchschritten

Bernd Leisner vom Thüringer Dekra präsentierte Neuigkeiten aus der Prüforganisation. Bei der Entwicklung der Anzahl an Fahrerlaubnis-Prüfungen habe man die „Talsohle durchschritten“, stellte er fest. Der Grund ist seiner Ansicht nach die positive wirtschaftliche Entwicklung, die zu gestiegenen Prüfzahlen führte. 40.705 Theorie- und 36.739 Praxis-Prüfungen habe es 2016 gegeben, das seien 4,2 Prozent mehr als im Jahr davor. Allerdings ist laut Leisner die Erfolgsquote in der Theorie um ein Prozent gesunken. Die Ursache liege wohl darin, dass die Variantenfilme, die seit 1. Dezember 2016 im Einsatz seien, ein Auswendiglernen verhindern würden. Bei AM 15 habe es 2016 einen weiteren Zuwachs um zehn Prozent gegeben. „AM-15-Leute sind einfach besser aufgestellt“, lobte er. Dies sei eine Analogie zu BF 17.   

„Man hat uns zugehört“

Kurt Bartels, der 2. Stellvertretende Vorsitzende der BVF, hielt im Anschluss sein Referat zum Thema „Fahrlehrerberuf 2025: Rahmenbedingungen – automatisiertes und vernetztes Fahren“. Derzeit hätten Fahrschulen „sehr gut“ zu tun, sagte er zur aktuellen wirtschaftlichen Lage. 80 Prozent der 11.100 Fahrschulen mit 45.238 Fahrlehrern (Stand: 2016) seien Klein- und Kleinstbetriebe. „Das sind wir“, analysierte Bartels die Struktur seines Berufsstands. Man wolle deswegen keine Konzernfahrschulen oder eine Zentralisierung der Fahrausbildung.

Bartels fasste die wichtigsten Punkte der kommenden Fahrlehrerrechtsreform zusammen. Mehr Verkehrssicherheit und Entbürokratisierung seien wichtige Ziele gewesen. Das Gesetzespaket sei eine „gute Lösung“, obwohl man nicht alles erreicht habe. „Man muss auch andere Meinungen akzeptieren“, sagte er. „Aber: Man hat uns zugehört.“ Viele Anregungen der BVF seien eingeflossen.

Schließlich sprach der BVF-Vertretet über das „heiße Eisen“ autonomes Fahren. Es werde von Politik und Automobilindustrie großer Druck gemacht, sagte er, „denn Deutschland will verständlicherweise nicht hintenanstehen“. Die Bundesregierung gebe 80 Millionen Euro für neue Teststrecken aus und habe ehrgeizige Pläne: Bis 2020 sollen Fahrzeuge hochautomatisiert auf Deutschlands Straßen unterwegs sein, bis 2025 vollautomatisiert. Bartels stellte dazu die sieben Hürden vor, die derzeit noch eine Umsetzung des autonomen Fahrens bremsen: So gebe es zum Beispiel beim Recht, der IT-Sicherheit, der Raum- und Verkehrsplanung und nicht zuletzt beim Menschen noch einige „Baustellen“ zu überwinden.  

„Wenn wir es schaffen, jungen Fahrern das automatisierte Fahren nahe zu bringen, glaube ich nicht, dass unser Beruf in den nächsten 30 bis 40 Jahren in Frage steht“, gab Bartels zu bedenken. Ein Hemmschuh sei allerdings immer noch die Automatikregelung, auch mit Blick auf die Förderung der E-Mobilität. Er rief die Politik zum Handeln auf.

70 Fahrlehrer bei Workshops und Versammlung

Im internen Teil stellte Harry Bittner seinen Geschäftsbericht vor. Alle Belege aus dem Jahr 2015, die im vergangenen Jahr noch gefehlt hätten, seien durch seinen Vorgänger nachgereicht worden, sagte er. „2015 ist damit ordnungsgemäß abgeschlossen, genau wie 2016.“ Die Fahrlehrer entlasteten den Vorstand daraufhin einstimmig.

Der Vorsitzende stellte außerdem fest, dass 70 Fahrlehrer an der zweitägigen Veranstaltung – aufgeteilt in Workshops und Versammlung – teilgenommen hätten. Nach einem äußerst arbeitsreichen ersten Jahr freute sich Bittner über die große Resonanz und ließ noch einmal den Workshop-Tag, der der Mitgliederversammlung voraus ging, Revue passieren.

„Fahrassistenzsysteme aktiv angehen“

Zu diesem erschienen Thüringens Fahrlehrer zahlreich, etwa 50 nahmen daran teil: Nach den Veranstaltungen zum elektronischen Prüfprotokoll und der elektronischen Lernstandsbeurteilung referierte Kurt Bartels zum Thema Fahrassistenzsysteme. Er suchte Antworten auf wichtige Fragen: Wie können Fahrlehrer ihr Wissen über Assistenzsysteme weitergeben? Sind diese Fluch oder Segen? Werden Fahrlehrer in Zukunft überhaupt noch gebraucht? „Das ist ein wichtiges Thema für Fahrlehrer und Fahrschüler“, betonte er. „Wir müssen diese Thematik deswegen sehr aktiv angehen.“

Und die Workshop-Teilnehmer nahmen sich Bartels‘ Aufruf zu Herzen. Beim Brainstorming zum Thema Fahrassistenzsysteme in Fahrschulausbildung und Prüfung nannten die Fahrlehrer viele Ideen, wie man die elektronischen Helfer sinnvoll einbauen könnte – etwa nach der Basisausbildung bei Sonderfahrten, im Simulator oder bei einer Vollbremsung in der Kurve. „Die Anforderungen an uns Fahrlehrer steigen“, zog Bartels sein Fazit. Deswegen müsse die Fahrlehrerausbildung auf ein höheres Niveau gehoben werden. Aber: „Fahrlehrer wird es nach wie vor geben.“  

Mehr Lehrer für Thüringen

Im Anschluss teilte sich das Publikum. Während sich ein Teil der Fahrlehrer dem Thema Berufskraftfahrerqualifikationsgesetz widmete, drehte sich im vierten Workshop alles um die Fahranfängervorbereitung bzw. um die Fragen: Wie steht es um den Bildungsstand von Thüringens Schülern? Müssen eventuell Fahrlehrer bei der Vermittlung von Basiswissen unterstützen?

Ein Teil der Fahrschüler habe zum Beispiel in der Theorieprüfung auffällige Probleme beim Lesen, berichtete ein Prüfer des Dekra. Fahrlehrer könnten es aber nicht leisten, „diese Leute aufs richtige Gleis zu bringen“, sagte er. Ein Fahrlehrer bemängelte, dass Schullehrpläne kaum praktisches Denken vermitteln würden. Ministerialrat Rüdiger Kessler vom Thüringer Bildungsministerium warnte jedoch davor, den Bildungsstand der (Fahr)-Schüler pauschal schlechtzureden und sprach von einer „gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“: Einfache Lösungen seien nicht ins Sicht. „Thüringen will in Zukunft möglichst viele Lehrer einstellen“, sagte er. Denn das Lehrer-Schüler-Verhältnis sei „das wichtigste Verhältnis für gute Schulergebnisse.“ 

„Wir müssen stärker werden“

„Ich hoffe, wir konnten zeigen, wozu wir fähig sind“, sagte Harry Bittner zum Abschluss der Mitgliederversammlung 2017. „Wir möchten und werden aber noch mehr tun. Tragt unsere Arbeit an die Nichtmitglieder heran – denn wir müssen stärker werden.“

(tc)

 

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