Freitag, 17. August 2018

04.06.2018Verband

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„Lebenslanges Lernen gilt auch für uns!“

Ben Said
"Sei anders oder sterbe!", rief Daniela A. Ben Said den Fahrlehrern in Offenburg zu. Dabei ging es ihr um kreatives "Employer-Branding"
© Foto: Werner Kuhnle

Die Praxis müsse erst noch zeigen, ob die Reform ausreiche, um den Berufsstand für technologische und demografische Veränderungen zu wappnen, sagte Jochen Klima zu Beginn der Jahreshauptversammlung in Offenburg. Der Verbandsvorsitzende rief die Fahrlehrer auf, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Denn: „Man kann von Politikern und Beamten nicht erwarten, dass sie für uns die Kohlen aus dem Feuer holen. So dreht sich die Welt nicht!“ Klima nannte Probleme, die dem Berufsstand derzeit Sorgen bereiten: Fahrlehrermangel, die Einbindung neuer Technologien rund ums automatisierte Fahren oder neue Formen individueller Mobilität. „Wir müssen bei allen diesen Themen Ideen und Initiativen entwickeln, um am Ball zu bleiben. Um in der digitalen Welt zu reüssieren, müssen wir immer neu lernen“, sagte er. Denn: „Lebenslangens Lernen gilt auch für uns!“

Beim neuen Fahrlehrergesetz kritisierte Klima mit scharfen Worten Punkte, die „deutliches Misstrauen gegenüber der Fahrlehrerschaft“ ausdrücken würden: So sei versäumt worden, nach zwei unbeanstandeten Überwachungen den vierjährigen Zyklus „ohne Wenn und Aber“ festzuschreiben. Dagegen werde nun zwingend alle fünf Jahre ein erweitertes Führungszeugnis verlangt, was „alle ordentlich arbeitenden Kolleginnen und Kollegen von vornherein unter Generalverdacht“ stelle. Schließlich sei es eine „deutliche Übermaßregelung“, wenn BE-Fahrlehrer alle fünf Jahre ihre Sehkraft – wie für den Erwerb der Klasse C – nachweisen müssten. Ältere Kollegen würde man damit vermutlich in die Altersarmut schicken, warnte Klima. „Das haben wir Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer nicht verdient.“

TÜV-Ärger in Freiburg

Lob hatte der Vorsitzende dagegen übrig für Regierungsrätin Katharina Abele vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg: Die neue Form der Fahrschulüberwachung im Land habe ihn positiv überrascht, sagte Klima. „Ich denke, es ist gelungen, den neuen Paragrafen 51 des Fahrlehrergesetzes sehr maßvoll umzusetzen.“ Der TÜV dagegen musste einstecken: „Weitgehend zufriedenstellend“ laufe die Zusammenarbeit, die Niederlassung Freiburg sei jedoch wegen nicht eingehaltener Absprachen zu Bereitstellung, Buchung und Rückgabe von Buchungsplätzen eine „unrühmliche Ausnahme“. „Unsere Mitgliedsfahrschulen lassen es sich nicht länger bieten, wenn sie am Arbeiten und am Broterwerb gehindert werden, nur weil der TÜV nicht vernünftig planen kann und die eigenen Wirtschaftlichkeit über guten Kundenservice stellt“, schimpfte Klima.

Der TÜV-Vertreter nahm dazu Stellung: Man habe große Probleme, dort Personal zu finden, sagte Jürgen Wolz. Mit Blick auf die Defizite werde man aber nachhaken. „Ich verspreche, die angespannte Situation zu entspannen.“ Man habe in Personal investiert, es dauere aber etwa zwei Jahre, bis dieses einsatzfähig sei. Generell stellte er eine Zunahme an Theorie- und Praxisprüfungen (+5 bzw. +3 Prozent) in Baden-Württemberg fest. „Nicht unbedingt vorhersehbar“ sei das gewesen, ein Grund sei unter anderem der erhöhte Umschreiberanteil. „Das führte zu Verzögerungen bei den Prüfungen“, sagte Wolz. „Wir konnten das weitgehen – mit Ausnahmen – in den Griff bekommen.“

„Sei anders oder sterbe!“

Gewohnt scharfzüngig trat im Anschluss die Kommunikationsexpertin Daniela A. Ben Said auf, die schon beim Fahrlehrerkongress 2016 das Publikum begeistert hatte. „Mit einfachen Strategien Kunden und Mitarbeiter gewinnen“, lautet ihr Thema. Sie empfahl den Fahrlehrern „Kundengewinnung durch Verblüffung“ und geißelte Wiederholungen der ewig gleichen „nett, kompetent und sympathisch“-Werbephrasen, die der Kunde eh erwarte. „Den gleichen Scheiß gibt es beim Konkurrenten auch“, polterte Ben Said und forderte: „Sei anders oder sterbe! Denken Sie über den Rahmen Fahrschule hinaus und trauen Sie sich was!“ Sie rief die Fahrlehrer auf, zu überlegen, was sie besser machen könnten, um sich als Arbeitgeber zu positionieren. „Employer-Branding“ nenne man das.

„Es gibt nichts, wo man nicht kreativ sein kann“ lautete Ben Saids Credo. Ein Beispiel sei die immer gleiche Weihnachtspost. „Frohe Ostern! Wir sind der Zeit voraus – trotzdem frohe Weihnachten“, empfahl sie als originelle Alternative. „Oder verschicken Sie doch mal eine Rechnung mit einem ‚Appel‘ und einem Ei, mit einer Lupe für den Preis oder Beruhigungstee – trauen Sie sich was und verbreiten Sie das auch online. Denn: „Wer heute noch nichts von digitalen Medien hält, lebt auf dem Baum“, stellte sie klar. Ben Said beließ es aber nicht bei markigen Sprüchen von der Bühne. Sie machte den Fahrlehrern außerdem noch das Angebot, bei der Ideenfindung mit Unterlagen zu unterstützen. Die Fahrlehrer dankten es ihr mit viel Beifall.

Die Branche brummt

Im internen Teil des baden-württembergischen Verbandstags ging es dann ruhiger zu. 2017 gab es nach Jochen Klimas Angaben 4.726 Fahrlehrer im „Ländle“, wobei ein deutlicher Zuwachs bei den Angestellten zu verzeichnen sei, „die wohl aus der Selbstständigkeit kommen“, wie der Vorsitzende vermutete. Die Zahl der 17-Jährigen werde dagegen in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen, auch wenn dieser Trend durch Zuwanderung abgefedert werde. Insgesamt sei das „Kerngeschäft Ersterteilung“ rückläufig, während Umschreibungen die Beschäftigungslage „befeuern“ würden. „Es brummt in der Branche“, stellte Klima fest. Die Brutto-Fahrschulentgelte für die Klasse B seien in Baden-Württemberg erfreulich, der Trend gehe „sehr stark nach oben“. Das seien eben die Gesetze der Marktwirtschaft, sagte Klima. Der Fahrlehrermangel führe zu gesteigerten Entgelten und Gehältern. „Der ruinöse Kampf um Fahrschüler ist dem Kampf um Fahrlehrer gewichen.“

Klima präsentierte die Verbandsaktivitäten des vergangenen Jahres, um Nachwuchs zu gewinnen. So verfüge man über gute Kontakte zu den Fahrlehrer-Ausbildungsstätten in Baden-Württemberg und habe dort Verbandsstruktur und Serviceleistungen vorgestellt. Ein Runder Tisch für den Fahrlehrerberuf sowie ein Bewerbertag der Arbeitsagentur – jeweils in Pforzheim – hätten positive Botschaften über den Beruf verbreitet sowie Fahrschulen und Bewerber zusammengebracht.

Unter dem Slogan „Verbandsmitglieder wissen mehr“ stellte Klima Infokanäle seines Verbandes vor: Über das verbandseigene Magazin „Fahrschulpraxis“, ein internes Internetforum, via Facebook, Website (flvbw.de) sowie den Newsletter (Klima: „unser Renner“) halten Mitglieder zum Verband Kontakt und bekommen Informationen aus erster Hand. Auch mit Blick auf die TÜV-Probleme hatte Klima eine Initiative im Angebot – die Aktion „Wir nehmen den TÜV beim Wort!“. Fahrlehrer könnten dabei eine E-Mail an tuev-liefert-nicht@flvbw.de senden, wenn es weiter Probleme mit der Prüfplatzzuteilung gebe.     

"Die Branche hat sich gewaltig verändert"

„Damals, 1968, gab es noch viele Fahrlehrer“, sagte Gerhard von Bressensdorf zur aktuellen Situation der Fahrlehrerschaft in Deutschland, „allein die Bundeswehr hat noch 1.000 Fahrlehrer im Jahr ausgebildet, es gab drei praktische Führerscheinklassen - aber das hat sich gewaltig geändert. Mittlerweile gibt es 16 Ausbildungsklassen, Seminartätigkeit sowie die Berufskraftfahrerausbildung.“ Auch die Fahrschulstrukturen haben sich laut von Bressensdorf gewandelt. Die Branche verzeichnet seinen Angaben zufolge immer mehr größere Einheiten, die mehr Umsatz generieren. Dennoch sei die Ein-Mann-Fahrschule nach wie vor notwendig, um die flächendeckende Versorgung zu gewährleisten. Um 8,9 Prozent sei die Zahl der B-Prüfungen zwischen 2016 und 2018 gestiegen (auf exakt 1.480.201), aber es sei eine große Zahl nicht bestandener Prüfungen darunter. Von Bressensdorf führte das auf die steigende Zahl an Paragraf-31-Umschreibern zurück, also auf Inhaber ausländischer Fahrerlaubnisse, die ohne Fahrstunden gleich zur Prüfung antreten könnten.

Der BVF-Vertreter fasste im Anschluss den aktuellen Stand der Fahrlehrerrechtsreform zusammen: Diese sei trotz vieler Zugeständnisse „ein Schritt in die richtige Richtung“. Ob die Reform den Fahrlehrermangel beseitigen könne, „wird die Zeit zeigen“. Derzeit gebe es deswegen große Sorgen in der Branche. Keine Lösung ist laut von Bressensdorf die freie Mitarbeiterschaft. „Das macht mich fuchsteufelswild, dass dies so unzureichend gesetzlich abgesichert möglich ist“, schimpfte von Bressensdorf. „Das muss der Gesetzgeber ordentlich regeln. Da klaffen die rechtlichen Anforderungen und die Realität weit auseinander. Das ist der schlimmste Verstoß im Gesetz.“ Es gebe weitere Baustellen, zum Beispiel bei den Ausbildungsbescheinigungen, dem Führungszeugnis oder der Überwachung. „Wir reparieren das Gesetz derzeit“, sagte er. „Aber es ärgert mich, dass wir von den Vorberatungen wieder ausgeschlossen sind.“

Beim Thema Fahrassistenzsysteme forderte von Bressensdorf vom Gesetzgeber klare gesetzliche Vorgaben, um diese in Ausbildung und Prüfung einfließen zu lassen. Die EU müsse außerdem endlich die Automatikregelung neu festlegen. Den Fahrlehrer riet er: „Rüsten Sie sich, schulen Sie Fahrassistenzsysteme, denn noch hat das autonome Fahren den Durchbruch nicht geschafft. Ich glaube, wir brauchen noch lange ein Lenkrad.“

„Bayerisch-robust, aber immer liebenswert“

Jochen Klima nahm Gerhard von Bressensdorfs Auftritt zum Anlass, um ihm für seinen jahrzehntelangen Einsatz im Auftrag der Fahrlehrerschaft zu danken.  Der BVF-Vorsitzende, der im Juni in den Ruhestand geht, sei „manchmal bayerisch-robust, aber immer ein liebenswerter Mensch gewesen“, sagte Klima. Er wünschte ihm zum Abschied „Glück, Gesundheit und viele glückliche Jahre“ und überreichte ein Geschenk.

(tc)

 

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