Dienstag, 19. Juni 2018

29.05.2018Verband

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„Wir dürfen unser Image nicht schlechtreden“

Thiele
Friedel Thiele: "Oft ist es lobenswert, dass man Optimist ist und kein Pessimist."
© Foto: Ulrich Lieber

Thiele musste in seinem Geschäftsbericht zwar einen leichten Rückgang der Mitgliederzahlen vermelden, konnte aber darauf verweisen, dass der Verband Westfalen seit zehn Jahren zu den Verbänden mit den geringsten Verlusten gehöre. „Insofern also nicht jammern, denn das liegt im Trend, denn wir stellen überall fest, dass die Fahrschulen und damit die Mitgliederzahlen leicht zurückgehen.“ Das sei auch dem demografischen Wandel geschuldet, der alle Berufsstände in Deutschland betreffe.

Die Altersstruktur im Landesverband Westfalen ähnle der in allen anderen Verbänden, denn vor allem die Gruppe der 50- bis 59-Jährigen sei stark vertreten, während es bei den unter 30-Jährigen nur wenige Mitglieder seien. Ein Lichtblick war da der Besuch von 16 Fahrlehreranwärtern in Werl, die den Altersdurchschnitt nach unten drückten. „Wir müssen alles daran setzen, für unseren Berufsstand ein Image aufzubauen, dass junge Leute Spaß an unserem Beruf bekommen.“ Denn der Beruf biete nach wie vor Perspektiven, und trotz des demografischen Wandels und des autonomen Fahrens werde der Fahrlehrer auch in Jahrzehnten noch gebraucht. Aber alle Fahrlehrer sollten mitarbeiten, das Image des Berufes zu verbessern. „Wir dürfen unser Image nicht schlechtreden“, appellierte er an die Mitglieder.

Die Zahl der Betriebsstätten sei leicht rückläufig, aber die Situation nicht dramatisch, sagte Thiele. Eine Trendwende gebe es aber bei der demografischen Entwicklung, denn die Kurven, die noch vor einigen Jahren ein Schreckensszenario bei den Zahlen der 16- bis 19-Jährigen gezeichnet hätten, sehen mittlerweile wieder viel positiver aus. Dies habe die Bertelsmann-Stiftung im letzten Jahr korrigiert. Thiele: „Oft ist es lobenswert, dass man Optimist ist und kein Pessimist.“

Kritisch ging der Vorsitzende dagegen auf die Prüfterminsituation im Ruhrgebiet ein. „Ich habe fünf Monate das Beschwerdemanagement für diesen Bereich gemacht, manchmal schwoll einem schon der Kamm“, schimpfte er. „Ich bin aber auch fair und sage, in den übrigen drei Bezirken, da hat es geholpert, aber nicht so dramatisch wie in Rhein und Ruhr.“ Er wies darauf hin, dass die Probleme nicht verschwiegen, sondern angepackt werden.

Mobilität vom Benutzer her gedacht

Zum Auftakt des offiziellen Teils begrüßte Thiele die Ehrengäste, zu denen normalerweise auch immer ein Vertreter des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums gehört. In diesem Jahr war das aber nicht der Fall: „Dass aber das Ministerium mit niemandem vertreten ist, weder in Nordrhein noch in Westfalen, das bedauern wir sehr“, klagte Thiele. Umso erfreulicher sei es daher, dass mit Klaus Voussem der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion NRW zu Gast sei.

„Wir organisieren seit Mai 2017 einen Neustart in der Verkehrspolitik“, sagte Voussem anschließend in seinem Vortrag, der sich mit der Zukunft der Mobilität auseinandersetzte. Schwerpunkt der Landesregierung sei der Erhalt, die Modernisierung und der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Mobilität solle künftig vom Benutzer her gedacht werden, das heißt, dass der Benutzer im Zentrum aller Überlegungen stehen soll. Dabei sei vor allem eine funktionierende Infrastruktur wichtig, die derzeit in keinem guten Zustand sei. Gründe dafür seien der zunehmende Verkehr, vor allem der Schwerlastverkehr, die Arbeitsdefizite an den Baustellen, insbesondere an den Brücken und eine Verschlechterung des Erhaltungszustandes durch fehlende Investitionen in der Vergangenheit. Beispielhaft nannte Voussem die Brücken, denn von 475 überprüften Brücken seien nur 145 in Ordnung. Es gebe in Düsseldorf nun ein „Bündnis für Mobilität“, in dem viele Akteure zusammengebracht würden, um für mehr Akzeptanz beim Ausbau der Infrastruktur zu werben. Das Parlament habe deshalb die finanzielle Ausstattung deutlich angehoben. „Das Volumen im diesjährigen Verkehrshaushalt beträgt 2,76 Milliarden Euro, das ist noch einmal eine ordentliche Schippe drauf im Verhältnis zu den Vorjahren“, sagte Voussem. Es seien 109 neue Stellen geschaffen worden, davon seien allein 50 Planer- und Ingenieursstellen beim Landesbetrieb NRW freigegeben worden.  

Auch die Digitalisierung und Vernetzung werde mit einer neuen Fachabteilung im Ministerium vorangetrieben, die sich mit den Chancen der vernetzten Mobilität beschäftige. Hier seien 34 neue Stellen geschaffen worden. „Wir unterstützen auch den Ausbau von Elektromobilität in unserem Land. Wir wollen Nordrhein-Westfalen zu einem führenden Land im Bereich der Elektromobilität machen, dafür sollen bereits bestehende erfolgreiche und innovative Projekte in ihrer Weiterentwicklung unterstützt werden.“ Aber generell solle Technologie offen gedacht werden, denn auch andere Antriebsmöglichkeiten seien Teil der Lösung, dazu gehöre auch der Diesel.

„Die Gesundheit der Menschen ist ein hohes Gut, deshalb müssen wir die Schadstoffbelastung in den Städten senken. Aber wir müssen einen Kompromiss zwischen Gesundheitsschutz und dem Mobilitätsbedürfnis der Menschen finden.“ Eine blaue Plakette lehne die Landesregierung ab, wie Voussem mitteilte. Es werde stattdessen auf ein Maßnahmenbündel gesetzt, zu dem auch die öffentlichen Verkehrsmittel zählen.

Nichtbestehensquoten: Viele Anfragen an die BVF

„Für die Zukunft gut gerüstet?“ Dieser Frage ging Dieter Quentin, 1. stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF), in seinem Referat nach. „Die Branche hat im Moment eine recht gute Stimmung“, sagte er. Das liege an der guten Auslastung der Fahrschulen, die schon lange nicht mehr in diesem Umfang vorhanden war, und das wirke sich auch positiv auf die Einkünfte aus.

In jüngster Vergangenheit seien die Fahrschulen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Grund seien die Berichte über die steigenden Nichtbestehensquoten. Es habe von den Medien auch Anfragen an die BVF gegeben. Man habe die Meinung vertreten, dass eine theoretische Prüfung heutzutage nicht mehr vergleichbar sei mit einer Prüfung von vor zehn Jahren. Es habe die Umstellung von Papier auf Elektronik gegeben, die mache wiederum andere Prüfarten möglich wie bewegliche Bilder und dynamische Darstellungen. „Das macht dem Schüler das Bestehen der Prüfung nicht gerade einfacher“, sagte Quentin. In der Praxis trage die komplexe Verkehrssituation auch nicht unbedingt dazu bei, die Prüfung zu vereinfachen. Die Steigerung der Nichtbestehensquote von 26,6 auf 28 Prozent sah der BVF-Vertreter dabei nicht als sonderlich dramatisch an.

Die Umsetzung des neuen Fahrlehrerrechts war für Quentin ein guter Start. „Was uns aber gestört hat, das ist die Thematik des freien Mitarbeiters“, sagte er. „Bin ich denn als freier Mitarbeiter tatsächlich selbstständig, wenn ich von dem Fahrschulerlaubnisinhaber gesagt bekomme, was ich zu machen und zu lassen habe? Für uns ist es eine ganz eindeutige Angelegenheit, es gibt nach den Vorgaben des Fahrlehrerrechts keine freien Mitarbeiter.“ Sozialversicherungsrechtlich sei es äußerst kritisch, einen freien Mitarbeiter zu beschäftigen. „Ich bin der Ansicht, dass wir den freien Mitarbeiter nicht brauchen, denn das neue Fahrlehrerrecht hat einen Riesenvorteil mitgebracht, nämlich eine Kooperationsmöglichkeit. Dann kann ich nämlich mit einem Kollegen eine Kooperation eingehen, um Engpässe zu überbrücken“, empfahl Quentin. Dazu gebe es einen Musterkooperationsvertrag, der auf der Internetpräsenz der Bundesvereinigung heruntergeladen werden kann.

Selbstfürsorge bei Stress besonders wichtig

Der Diplom-Psychologe Christian Kreyerhoff aus Münster beschäftigte sich in seinem Referat mit dem Thema „Stress und Burnout lass nach! Wege zu mehr Gelassenheit und Selbstfürsorge.“ Eine Studie habe ergeben, dass 80 Prozent der Menschen Schlafprobleme habe. Das sei eine unwahrscheinlich hohe Zahl. „Schlafstörungen sind ein Zeichen für Stress. Aber nicht jeder, der Schlafstörungen hat, hat auch einen Burnout“, machte Kreyerhoff deutlich. Er fragte sich, welchem Stress Fahrlehrer speziell ausgesetzt sind. Dazu gehöre sicher der Umgang mit vielen verschiedenen Menschen, der Termin- und der Erfolgsdruck, immer wieder Prüfungen und der zunehmende Verkehr, dazu der Druck, dem man als Selbstständiger ohnehin ausgesetzt ist, und die langen Arbeitszeiten. „Selbstfürsorge ist da etwas besonders Wichtiges. Gerade für die Leute, die täglich mit Menschen zu tun haben.“

Stress bedeute auch, nicht im „Hier und Jetzt“ zu sein. „Stress im Alltag heißt, dass mein Körper hier ist, aber mein Geist ist woanders. Meine Gedanken sind nicht im Hier und Jetzt.“ Wir seien mit unseren Gedanken immer viel weiter, das gehe schon beim morgendlichen Zähneputzen los, denn man sei nicht beim Zähneputzen, sondern schon wieder ganz woanders. Verantwortlich dafür sei die Großhirnrinde, die uns zwar überlegen mache, aber auch den meisten Stress auslöse. Um tatsächlich im Hier und Jetzt zu sein, müsse man üben. „Versuchen Sie doch einfach mal, beim Zähneputzen wirklich nur Zähne zu putzen. Oder versuchen Sie mal, nur zu duschen. Sie werden feststellen, wie schnell Ihre Gedanken woanders sind.“ Aber ohne das Hier und Jetzt gebe es keine Gelassenheit, denn nur im Hier und Jetzt könne man gelassen sein. Um das zu erreichen hilft nur: „Üben, üben, üben!“

Prüfungsmanipulationen durch Stellvertreter

Die Grußworte des TÜV Nord überbrachte Wolfhardt Werner. In NRW habe es 225.000 Prüfungen gegeben, eine neue Rekordzahl. Die Nichtbestehensquote in der Theorie lag bei rund 33 Prozent und damit auch leicht höher als im Vorjahr. Großen Anteil daran habe der erhebliche Anstieg der Paragraf-31-Prüfungen, also der Umschreiberprüfungen.

Ein großes Problem sei beim TÜV Nord die steigende Anzahl an Manipulationen bei Prüfungen. Mit technischen Möglichkeiten werde versucht, die Probanden durch die Prüfung zu bringen und nur einige werden erwischt. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir vermuten, dass die tatsächliche Anzahl der Täuschungen deutlich größer ist. Wir versuchen alles Mögliche, um weitere Versuche aufzudecken“, sagte Werner. Während aber die technischen Manipulationen offensichtlich wieder ein wenig auf dem Rückzug sind, nehmen die Stellvertreterprüfungen zu. „Das heißt, es kommt jemand zur Prüfung, der hat den Antrag gestellt, aber das ist nicht derjenige, der tatsächlich die Prüfung durchführt. Der sieht so ähnlich aus und hat auch einen Ausweis dabei“, berichtete Werner. Nordrhein-Westfalen sei aber das einzige Land, das sich klar positioniert habe und klare Sanktionen ausspreche.

(Ulrich Lieber)

 

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