Samstag, 24. August 2019

24.04.2019Verband

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Ärger bei der Prüfplatzvergabe

Pfalz
Der zum Teil neu gewählte Vorstand des Fahrlehrerverbands Pfalz: Vorsitzender Norbert Wagner (rechts) und seine Stellvertreter Michael Kampmann und Nicole Bäumchen
© Foto: Thomas Cyganek

Nach der Begrüßung durch den Verbandsvorsitzenden Norbert Wagner stellte Jens Kotschwar, Fahrschul-Beauftragter von Volkswagen, das Fahrschulangebot seines Unternehmens und künftige Markteinführungen vor. 17 Prozent Nachlass auf den Listenpreis gebe es bei VW für Fahrlehrer, wenn diese sich für ein fabrikneues VW-Fahrzeug entscheiden, zehn Prozent Rabatt seien es bei e- und Hybridfahrzeugen. Das Fahrschulpaket ab Werk sei für Golf, Golf Variant, Golf Sportsvan, T-Roc und Polo (beide ab Mitte 2019) erhältlich.

Seit März gebe es unter anderem den Golf GTI TCR zu kaufen, seit April den T-Cross sowie die fahrschulrelevanten T-Roc und Polo. Am 8. Mai startet lautet Kotschwar das Pre-Booking für den ID, eine Prozedur, die mit einer Akkreditierung auf der VW-Website beginnt, ehe im Spätherbst der ID dann beim Händler über einen Voucher bestellt werden kann. 

Die Umstellung auf das WLTP-Testverfahren kostete VW – und alle anderen Hersteller – nicht nur Nerven, sondern auch Zeit. Acht Monate sei man nicht in der Lage gewesen, umgebaute Fahrzeuge in den Markt zu bringen, klagte Kotschwar. In diesem Jahr beginne nun die zweite WLTP-Phase. Unter anderem werde dabei die Abgasnorm Euro-6d-Temp durch 6d-TEMP-EVAP-ISC abgelöst, für Neuzulassungen würden alle bisherigen WLTP-Homologationen ihre Gültigkeit verlieren, es gebe aber Bestandsschutz für Gebrauchtfahrzeuge.

Zum Modelljahreswechsel 2019/2020 werde VW sein Portfolio „straffen“, teilte Kotschwar mit – und ließ mit dieser Ankündigung den einen oder anderen Fahrlehrer aufhorchen. Denn aus VW-Sicht eher unrentable Motorisierungen fallen dann weg, insbesondere werden einige beliebte Fahrschulmodelle nicht mehr mit Schaltgetriebe erhältlich sein. Kotschwar riet den Pfälzer Fahrlehrern zur Eile, falls sie mit „bedrohten“ Motorisierungen liebäugeln. „Ihr Volkswagen-Partner informiert Sie“, sagte er.

Zum Ende seines Vortrags wies der VW-Vertreter noch auf die „E-Offensive“ hin, sprich die ID-Familie: Damit seien bis 2025 mehr als 20 neue E-Modelle erhältlich, alles „attraktive, bezahlbare E-Autos in jedem Segment“.

Versicherungsmarkt: Wohin geht die Reise?

Andreas Anft, Vorstandsvorsitzender der Fahrlehrerversicherung, berichtete zunächst aus dem Geschäftsjahr seines Unternehmens. 68,4 Millionen Beitragseinnahmen ständen 52,8 Millionen Euro an Schadenszahlungen gegenüber. Nach weiterem Abzug von Kosten und Steuern gehe er von 0,8 Millionen Euro Jahresüberschuss 2018 aus.

Auch an der Fahrlehrerversicherung geht das Thema Digitalisierung nicht vorbei. Anft berichtete über mögliche Geschäftsmodelle, die sein Unternehmen in Zukunft anbieten könnte, zum Beispiel optimierte, automatisierte und noch stärker auf den Kunden ausgerichtete Prozesse, Multichannel-Kommunikation, vollautomatisierte Policierung oder das Schadentracking mit jederzeit verfügbarem Bearbeitungsstand via Portal, App und Push-Nachricht. „Höchste Priorität“ hat laut Anft derzeit aber das neue Bestandsführungssystem mit standardisierten Schnittstellen. Weiterhin gelte bei der Fahrlehrerversicherung: „Menschen unterhalten sich mit Menschen“, versicherte er. Es werde kein Callcenter mit Chatbot geben.

Man werde mit Bedacht automatisieren, fasste Anft zusammen, und der Vereinsgedanke überrage weiterhin alles andere. Direktionsbeauftragte seien Partner und würden nicht auf Provisionsbasis arbeiten. „Unsere Kunden sind Mitglieder. Sie bestimmen, wohin die Reise geht“, stellte er klar. „Wir haben kein Interesse an Gewinnmaximierung, der Jahresüberschuss fließt ins Eigenkapital.“ 

Steigende Nichtbestehensquoten durch 31-Umschreiber

Der TÜV Pfalz, vertreten durch Geschäftsführer Daniel Waldheim,  berichtete vom Prüfgeschehen des vergangenen Jahres. 77.448 Prüfungen der Klasse B hat es nach Angaben der Prüforganisation in der Pfalz gegeben, 47.321 davon wurden bestanden. Das entspricht einer Bestehensquote von 61,10 Prozent (2017: 61,33).

In der praktischen Prüfung stieg die Nichtbestehensquote von 24,5 (2016) auf 27,6 Prozent. „Warum steigt diese?“, fragte Waldheim mit Blick auf die Zahlen – und nannte Gründe: zum Beispiel ein abnehmendes Interesse der Bewerber an Führerschein, Kfz und Verkehrsregeln, eine sinkende Lernbereitschaft der Schüler und die Mehrfachbelastung durch Schule bis in den Nachmittag und Freizeitaktivitäten. Hinzu kämen eine höhere Verkehrsdichte und -komplexität.

Außerdem sei die Anzahl der Personen, die ihre ausländische Fahrerlaubnis umschreiben lassen wollten und dafür eine Prüfung benötigten, auch 2018 wieder gestiegen. Der TÜV Rheinland meldete nach eigenen Angaben 2018 dreimal so viele wie 2014 (14.447:4.395). „Bei den Umschreibern liegt die Nichtbestehensquote aktuell bei 53,8 Prozent in der praktischen Prüfung und bei 57,2 Prozent in der Theorie. Diese signifikant erhöhte Quote ist auch auf die nicht vorgeschriebene Ausbildung zurückzuführen“, sagte Waldheim. Diese Ergebnisse könnten verbessert werden, wenn der Fahrlehrer vorab die Prüfungsreife feststellen müsste, sagte Waldheim. Durch die 13. Änderungsverordnung sei dies in Paragraf 7 gesetzlich festgeschrieben worden. Absatz 2 ordne an, dass sich der Fahrlehrer vor der Prüfung „über die zum Führen eines Kraftfahrzeugs erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten“ eines Bewerbers überzeugt habe.

Kritik am TÜV

Schließlich berichtete Waldheim noch vom aktuellen „Projekt Shape“ des TÜV, mit dem die Prüforganisation nach eigenen Angaben ihren Service und ihre Effizienz steigern will. Unter anderem soll dies durch die Einführung eines neuen IT-Systems im Bereich Fahrerlaubnis erreicht werden. Da hinke man derzeit hinterher, gab Waldheim zu.

Das fanden auch die Pfälzer Fahrlehrer. Zahlreiche Kollegen machten ihrem Ärger über die ihrer Ansicht nach unzureichenden Kapazitäten der Prüfstellen Luft. Vor allem die Vergabe von Prüfplätzen stand im Kreuzfeuer der Kritik. Es sei nicht nachvollziehbar, warum der TÜV nicht liefere wie bestellt, bekam Waldheim vor allem in der Diskussionsrunde zu hören, die den offiziellen Teil der Mitgliederversammlung abschloss. Absagen von Prüfungen oder Verschiebungen würden für die Fahrschulen auch finanzielle Verluste bedeuten.

Waldheim verteidigte sich mit einem Blick auf die wöchentliche Punktverteilung der Fahrlehrer. Insbesondere Donnerstage und Freitage seien als Prüftage sehr beliebt, während an anderen Tagen weniger los sei. Mit dem derzeitigen Personalschlüssel beim TÜV sei das nicht immer zu stemmen. Außerdem herrsche terminlich oft ein „Löcherteppich“, der es unmöglich mache, ein Vierteljahr im Voraus zu planen. Waldheim kündigte eine bessere Kommunikation bei Punktverschiebungen auf andere Tage an. Außerdem würden keine Punkte mehr gestrichen, sagte er.

Digitalisierung in der Fahrschule – Chancen und Herausforderungen

Dieter Quentin, der Vorsitzende der BVF, nahm sich im Anschluss eines der aktuellen Megathemen der Gesellschaft vor: die Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung. Diese mache vor Fahrlehrern keinen Halt, sagte er und nannte als Beispiele Fahrassistenzsysteme und das autonome Fahren. Der Berufsstand stehe hier wie nie zuvor vor Veränderungen. Es seien deshalb Überlegungen nötig, wie Fahrschulen in Zukunft funktionieren können und sollen.

Technologie, Kommunikation, Gesellschaft und Politik, Wirtschaft und Arbeit – laut Quentin sind dies Felder, die von der Digitalisierung betroffen sind. Schlagwörter seien etwa „Big Data“, Konnektivität, „Cloud Computing“ oder „Sharing Economy“. Und generell sei man „always on“, also immer online. „Hilft das, unsere professionelle Arbeit zu erhalten und zu unterstützen?“, fragte er. „Oder digitalisieren wir uns weg?“ Sicher sei, „die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.“ Zahlreiche Vorteile würden Fahrschulen eh schon nutzen, etwa bei Schülererfassung, Online-Beantragungen oder Tätigkeits- bzw. Ausbildungsnachweisen. Für die Zukunft biete die Digitalisierung weitere Chancen, etwa die papierlose Datendokumentation, die digitale Ausbildungsbescheinigung oder die vorläufige digitale Fahrberechtigung.

Mit Vorsicht zu genießen sei die Digitalisierung in der theoretischen Ausbildung, warnte Quentin. Nur noch online zu lernen könne vielleicht billiger sein, aber im Endeffekt wisse der Bewerber nichts, denn Verkehrssicherheit gebe es nicht zum Nulltarif. „Wir haben einen hochkomplexen Verkehr in Deutschland“, sagte er. „Diesen zu begreifen, das macht einen guten Unterricht aus – das kann man nicht online lernen.“ Der Berufsstand müsse auch in Zukunft hohe Qualität in der Theorie liefern. Gedanken, dass die Theorie abgeschafft wird, müssten deshalb „ad acta“ gelegt werden. Dennoch könne E-Learning die pädagogische Tätigkeit unterstützen, etwa im Faktenwissen. „Wir müssen den Präsenzunterricht modern gestalten und weiterentwickeln“, forderte Quentin. Dazu müsse ein Ausbildungs-Rahmenplan zeitgemäß aufgestellt werden, moderne elektronische Hilfsmittel genutzt werden und ein „Vortest“ unter realen Bedingungen stattfinden.

In der praktischen Ausbildung spielen natürlich Fahrassistenzsysteme und autonomes Fahren entscheidende Rollen. Der Umgang mit beidem müsse praxisgerecht in die Ausbildung integriert werden, sagte er, dazu müsse die Fahrschüler-Ausbildungsordnung geändert werden. Außerdem sei eine „zeitgemäße Automatikregelung“ nötig, denn Fahrassistenzsysteme und alternative Antriebe würden nur mit Automatik funktionieren. Davon abgesehen gebe es künftig in vielen Nutzfahrzeugen keine Schaltgetriebe mehr. „Wir hoffen, dass sich die Automatikregelung bald ändert“, betonte Quentin.

„Erwarten, dass der TÜV seinen Job macht“

Im internen Teil der Veranstaltung ging der Verbandsvorsitzende Norbert Wagner noch einmal auf die Probleme mit dem TÜV ein. Man habe Jahres- und Einzelgespräche geführt und sei mit einigem „nicht einverstanden“. So behalte der TÜV Zahlungen einfach, wenn Leistungen nicht erbracht worden seien. Fahrlehrer müssten sich dann kümmern, dass Schüler ihr Geld zurückbekommen. „Das ist ein Ärgernis, das ungelöst ist“, klagte er. Außerdem würden Absprachen nicht eingehalten, zum Beispiel wenn eine Viertagewoche bevorstehe. „Der TÜV ist dann anscheinend komplett überrascht“, vermutete Wagner und bot an: „Sagt uns, wieviel Kapazitäten ihr habt; wir geben das dann an die Fahrlehrer weiter.“ Nicht tragbar sei es zudem, dass der TÜV Punkte „unter den Tisch“ fallen lasse. Diesbezüglich nehme man die Ankündigung der Prüforganisation, dass keine Punkte mehr gestrichen werden, zur Kenntnis. „Wir schauen nach einer Lösung, die beide Seiten zufriedenstellt“, sagte Wagner. Aber man erwarte, dass der TÜV seinen Job mache.  

Der Verband hat laut Wagner viele Gespräche mit den Landesregierungen zum Thema Überwachung geführt. Er beklagte „Ahnungslosigkeit“ bei der Verwaltung, etwa zu den Zuständigkeiten. Noch immer gebe es keinen Erlass und deswegen keine klaren Regelungen. Beim Ablauf und den Kosten habe der Verband erreicht, dass nur ein Fahrlehrer einer Fahrschule überwacht werde, im nächsten Turnus sei dann der nächste dran.

Im Arbeitskreis FeV, der sich unter anderem mit Prüfungsmanipulationen beschäftige, brauche man politische Unterstützung, sagte Wagner. „Wir gehen an die Öffentlichkeit und haben bereits Kontakt mit Landtagsabgeordneten aufgenommen.“ Mit Blick auf die Fahrschüler-Ausbildungsordnung müssten sich Fahrlehrer in Zukunft von der Prüfungsreife überzeugen, stellte er fest. Um Schwierigkeiten zu vermeiden, wolle man in Zukunft argumentieren, „dass Prüfungsreife mit großer Wahrscheinlichkeit Ausbildung bedeutet.“

Der Vorsitzende blickte auch auf die Entwicklung des Pfälzer Verbandes, den – wie andere Landesverbände auch – vor allem die Altersstruktur Bauchschmerzen bereitet: „Wir brauchen junge Mitglieder“, sagte er, „dazu müssen wir auffallen als Verband.“ Sogar Workshops wurden schon veranstaltet, die sich mit der Wahrnehmung des Verbands in der Öffentlichkeit beschäftigten.

In diesem Jahr wolle man außerdem die Ausbildung von Fahrlehrern noch besser begleiten, da es in der Vergangenheit zum Teil „erschreckende Ergebnisse“ gegeben habe, wie Wagner feststellen musste. Weiterhin wolle man die Interessen des Berufsstands gegenüber TÜV und Verwaltung vertreten und dazu, wenn nötig, Kompromisse eingehen – „damit die Zusammenarbeit mit den anderen klappt“.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurden noch zwei stellvertretende Vorsitzende in den Vorstand gewählt. Michael Kampmann wurde einstimmig in seinem Amt bestätigt, Nicole Bäumchen wählten die Mitglieder mit Mehrheit.

(tc)

 

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