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Qualität statt Schmalspurausbildung

Die diesjährige Mitgliederversammlung des Fahrlehrerverbands Hamburg fand am 20. Februar in Heimfeld statt
© Foto: Thomas Cyganek

Wie steht der Berufsstand da? Was bewegt ihn und was bereitet Sorgen? Diese und andere Fragen diskutierte der Fahrlehrerverband Hamburg am 20. Februar in seiner Jahreshauptversammlung im Hamburger Stadtteil Heimfeld.


Datum:
23.03.2016
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Wie steht der Berufsstand da? Was bewegt ihn und was bereitet Sorgen? Diese und andere Fragen diskutierte der Fahrlehrerverband Hamburg am 20. Februar in seiner Jahreshauptversammlung im Hamburger Stadtteil Heimfeld.

Bernd Krösser, Staatsrat der Hamburger Behörde für Inneres und Sport, eröffnete die Reihe der Redner im Hotel Lindtner. Er sprach unter anderem über die Reform des Fahrlehrerrechts und hob dabei zwei Punkte hervor: Zum einen befürwortete er den Wegfall der Fahrerlaubnisklassen A und CE als Zugangsvoraussetzungen zum Fahrlehrerberuf und nannte die geplanten Erleichterungen „sinnvoll“. Allerdings: Man müsse die Bedenken dagegen  - wie sie unter anderem von der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF) geäußert  werden - ernst nehmen.

Zum anderem befürchtete der Hamburger Behördenvertreter eine Überfrachtung der künftigen Fahrlehrer-Ausbildung mit pädagogischem Fachwissen: „Es bringt nichts, wenn pädagogische Inhalte da sind, aber keine fachlichen“, mahnte er. Hier sei eine „vernünftige Balance“ nötig. „Wir begrüßen die Reform durchaus“, bekräftigte Krösser, „aber das ist kein einfaches Thema“. Den Kompromiss, der beim Verkehrsgerichtstag in Goslar erzielt wurde, müssen man „sorgfältig prüfen“.

Kontraproduktive Entwicklung befürchtet

„Wir wünschen uns bei der Reform ihre Unterstützung“, sagte Sabine Darjus, die Vorsitzende des Hamburger Fahrlehrerverbands, als Reaktion auf Krössers Ansichten zur Fahrlehrerrechtsreform. Sie bat diesen, den Kompromissvorschlag aus Goslar mitzutragen, denn man benötige fachlich und pädagogisch gut geschulte Fahrlehrer. Mit Blick auf den möglichen Wegfall der Motorrad- und Lkw-Klassen beim Berufszugang sagte sie: „Ich lade Sie ein, einmal im Lkw mitzufahren, dann verwerfen Sie den Gedanken, diesen nach zehn Stunden zu beherrschen.“

In der anschließenden Fragerunde kritisierten die Versammlungsteilnehmer unter anderem, dass es kontraproduktiv sei, wenn die Fahrlehrerausbildung in Zukunft unter dem Motto „Quantität statt Qualität“ stehe. „Der Job wird für junge Menschen attraktiver, wenn die Ausbildung gestärkt wird“, gab der Hamburger Fahrlehrer Henry Holst zu bedenken.

Quentin lobt professionelle Fahrausbildung

„Sind unsere beruflichen Grundlagen zukunftsfähig?“ lautete der Titel des Vortrags von Dieter Quentin. Der 2. Stellvertretende Vorsitzende der BVF analysierte den Zustand des Fahrlehrerberufs in Deutschland – und kam zu positiven und negativen Ergebnissen. 

Bei den Bemühungen um die Verkehrssicherheit haben die Fahrlehrer laut Quentin einen großen Anteil daran, dass Deutschland EU-weit gut dasteht. So sank die Anzahl der Verkehrstoten vom 9949 im Jahr 1993 auf 6.577 im Jahr 2015. „Professionelle Fahrausbildung ist in Europa nicht selbstverständlich“, sagte Quentin. „Neben Deutschland haben diese nur  noch Portugal und Dänemark.“ Er lobte außerdem die hochwertige Ausbildung der Fahrlehrer selbst und deren Bemühungen, sich als Bildungsträger zu etablieren. Die Fahrlehrerschaft habe auch „maßgeblichen Anteil“ an der Schulung von Berufskraftfahrern.

Quentin wies auch auf den einen oder anderen kritischen Punkt hin. So ständen die Fahrlehrer mit einem Monatsgehalt von 1.890 bis 2.841 Euro zwar „gar nicht schlecht“ da, aber hier gelte es dennoch, Verbesserungen einzufordern. Vom Alter sei die Berufsgruppe „gesetzter“ - - die Mehrzahl der Fahrlehrer ist zwischen 50 und 54 Jahren alt -, was daran liege, „dass wir ein Fortbildungsberuf sind“. Die Anzahl der Fahrschulen in Deutschland ist laut Quentin zwischen 1999 und 2014 um 1.953 Unternehmen zurückgegangen. „Das ist nicht schlimm, solange die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet ist“, sagt er.

Auf neue Lehr- und Lernmethodik einstellen

Mit Blick auf den Umsatz habe es 2001 noch 4.983 Fahrschulen zwischen 50.000 und 100.000 Euro gegeben, dies sei die Mehrzahl der Unternehmen gewesen. 2012 habe es eine Verlagerung in umsatzstärkere Bereiche gegeben. Quentin führte dies darauf zurück, dass es mittlerweile mehr größere Unternehmen gebe und weniger Ein-Mann-Fahrschulen. Er forderte eine Öffnung des Markts für Gemeinschaftsfahrschulen unterschiedlicher Klassen sowie eine moderate Anhebung der Zweigstellungbeschränkung bei „klarer Regelung von Verantwortlichkeiten und Kontrolle“. Aufzeichnungs- und Anzeigepflichten seien „auf das Nötigste zu beschränken“.

Die derzeitige Form der Fahrlehrerausbildung – fünf Monate an der Ausbildungsstätte, 4,5 Monate in der Ausbildungsfahrschule – „reicht nicht mehr“, mahnte Quentin. Auch der zwölfmonatige Modellvorschlag der Bundesanstalt für Straßenwesen  sei nicht ausreichend, „um pädagogischen und technischen Entwicklungen nachzukommen“. Seiner Ansicht nach sollte die Ausbildung 16 bis 17 Monate dauern, denn: „Wir brauchen keine Schmalspurausbildung.“

„Das Mobilitätsverhalten ist ein anderes als vor 30 Jahren“ sagte Quentin. Deutschlands Fahrlehrerschaft müsse sich in Lehr- und Lernmethodik darauf einstellen, denn sonst könne man die Schüler von morgen nicht mehr erreichen. Wenn dies der Fall ist, habe er „keine Angst, dass es in 20 Jahren keine Fahrlehrer mehr gibt“.  

Prüfungsmanipulation als Betrug werten

Bernd Nentwig von Hauptaussteller Audi stellte Produktneuheiten und Fahrschul-Aktionen seines Unternehmens vor. Unter anderem präsentierte er den neuen Audi A4 mit Fahrschulausstattung ab Werk und wies auf den neuen Audi Q7 hybrid sowie den neuen Q2 hin, der im Verlauf des Jahres 2016 erhältlich sein wird. Nentwig empfahl außerdem neue Fahrschulaktionen seines Hauses: das Paket Wartung und Verschleiß für 9,99 Euro pro Monat, die kostenfreie Selbstabholung für Fahrschulen und angestellte Fahrlehrer sowie einen Fahrschul-Zuschuss von 2.000 Euro für die Handicap-Umrüstung.   

Andreas Schorling und  Michael Posch vom Landesbetrieb Verkehr bedankten sich beim Fahrlehrerverband Hamburg für die gute Zusammenarbeit im Jahr 2015 und präsentierten anschließend fahrschulrelevante Geschäftszahlen. Die Zahl der Erstanträge inklusive BF 17 ist mit 21.295 im Vergleich zum Vorjahr um 788 gestiegen (+3,84 Prozent). Der Anteil der BF 17-Anträge reduzierte sich um 75 auf 4.495 (-1,64 Prozent). 239 (2014: 236) Fahrschulen und 626 (602) Fahrlehrer boten 2015 in Hamburg ihre Dienstleistungen an.

Hero Wilters vom TÜV Hanse sprach in seinem Jahresbericht über die Nichtbestehnsquoten der Hamburger Fahrschüler in der theoretischen und praktischen Prüfung. 34,5 Prozent der geprüften Bewerber seien an der Theorie gescheitert, 40,7 Prozent seien in der Praxis durchgefallen seien. Wilters wies außerdem auf den Einsatz von Tablet-PC in der Theorieprüfung hin. Für über 100.000 Euro seien im Jahr 2015 elektronische Helfer angeschafft worden.

Bernd Rimpl vom TÜV Nord ging auf das Thema „Arabisch als zwölfte Fremdsprache in der Theorieprüfung“ ein. Der Nachfolger von Rainer Cyganski wies darauf hin, dass spätestens ab 1. Oktober 2016 in Hocharabisch geprüft werde. Manipulationen bei der theoretischen Prüfung sind nach Ansicht des TÜV-Nord-Vertreters ein weiteres Problem. Rimpl hoffte, dass der Gesetzgeber derartige Umtriebe endlich als Betrug bestraft.

„Räuber-Republik Deutschland“

Rolf Schrade gab einen Einblick in das abgelaufene Geschäftsjahr der Fahrlehrerversicherung (FLV) und erwartete für 2015 „einen  kleinen Jahresüberschuss“. Die FLV hatte im vergangenen Jahr 79.604­ Kunden (2014: 79.633) und nahm 65.1 Millionen Euro über die Beiträge ein (2014: 62.9). 19.601 Kfz-Schäden waren zu verzeichnen (2014: 18.917). Unter dem Stichwort „Räuber-Republik Deutschland“ warnte Schrade außerdem vor Einbrüchen in die Geschäftsräume von Fahrschulen. Insgesamt habe es im vergangenen Jahr 152.000 Einbrüche in Geschäfte  gegeben, nur 16 Prozent konnten aufgeklärt werden. Schadenersatzansprüche seien oft nicht durchsetzbar, da der Täter mittellos sei. Schrade empfahl die Beratung durch die FLV, um sich vor rabiaten Langfingern abzusichern

Der sogenannte Fahrerschutz ist laut Schrade ein neuer Baustein im FLV-Portfolio. Für 29,50 Euro pro Jahr ersetzt die FLV den unfallbedingen Personenschaden des Fahrers, falls dieser durch einen Unfall beim Lenken des versicherten Fahrzeugs zu Schaden kommt. Der Clou dabei: Dieser Schutz gelte auch für den ausbildenden Fahrlehrer, der während einer Ausbildungs- oder Prüfungsfahrt auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat.       

Dank an Umzugshelfer

Wie schon im vergangenen Jahr wurde im internen Teil der Hamburger Mitgliederversammlung das Thema Sterbekasse intensiv diskutiert.  Ist eine Einführung eines Solidarbeitrags aller Mitglieder so einfach umsetzbar? Insbesondere die dazu nötige Satzungsänderung stellte sich als rechtlich schwierig heraus. Die Hamburger Fahrlehrer einigten sich schließlich darauf, dass der Vorstand zur kommenden Mitgliederversammlung einen Antrag auf Ausweitung der Sterbekasse auf alle Mitglieder stellt. Außerdem soll die Zusammenarbeit mit anderen Landesverbänden überprüft werden.

In ihrem Geschäftsbericht dankte Sabine Darjus zunächst ihren Stellvertretern Holger Breu und Michael Witt sowie Iris Jöns und der FLV-Direktionsbeauftragten Nicole Dirks für die tatkräftige Hilfe beim Umzug des Landesverbands in seine neuen Büroräume. Obwohl es „nur über den Hof“ ging, war jede Unterstützung beim Packen und Tragen Recht.

Darjus erinnerte außerdem an den Verkehrsgerichtstag 2016 im Januar. Der Berufsstand sei mit insgesamt 103 Verbandsmitgliedern in Goslar „gut vertreten“ gewesen, 13 davon kamen aus dem Hamburger Fahrlehrerverband. Die Reform des Fahrlehrerrechts wurde dort engagiert diskutiert, dennoch beklagte sie, dass „die Politik uns im Dunkeln stehen lässt“. Darjus bemängelte besonders, dass den Fahrlehrern bis heute kein Gesetzestext zur geplanten Rechtreform vorliege. Dabei sei die BVF „jederzeit gesprächsbereit“.

(tc)


Mitgliederversammlung Hamburg 2016

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