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Warnung vor reinem Online-Theorieunterricht

Der alte und neue Bremer Vorstand: 1. Vorsitzender Michael Kreie (Mitte), 2. Vorsitzender Michael Schallhorn (rechts) und 3. Vorsitzender Klaus Lüttig
© Foto: Thomas Cyganek

Etwa 30 Fahrlehrer haben an der Mitgliederversammlung des Landes-Fahrlehrerverbands Bremen teilgenommen, die am 14. Mai im Atlantic Hotel Galopprennbahn stattfand. In Präsenz und umrahmt von einer kleinen Fachausstellung bekamen die Fahrlehrer ein Informations-Update.


Datum:
27.05.2022
Autor:
Thomas Cyganek
Lesezeit:
5 min
1 Kommentare

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Der offizielle Teil der Mitgliederversammlung wurde zunächst etwas durcheinandergewürfelt, nachdem die Vertreter des TÜV Nord aufgrund eines terminlichen Missverständnisses fehlten.

Ralf Nicolai, 2. Stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF), informierte über „Aktuelles im Bund“, so der Titel seines Vortrags. Doch zuerst blickte er mit Sorge auf den Ukraine-Krieg. „Wer hätte gedacht, dass es 77 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg wieder Krieg gibt?“, fragte er und verlangte natürlich keine Antwort. Europa sei sich aber einig wie lange nicht. Fahrschulen würden Geld sammeln und tatkräftig helfen. „Danke dafür“, sagte er.

„Urkraine in Umschreiber-Staatenliste aufnehmen“

Für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine sei der Führerschein von enormer Bedeutung, aber sie müssten diese in Deutschland spätestens nach sechs Monaten umschreiben. Er forderte deshalb, die Ukraine in die entsprechende Staatenliste der Anlage 11 FeV aufzunehmen, um eine prüfungsfreie Umschreibung zu ermöglichen. Ukrainisch sollte außerdem als Prüfungssprache aufgenommen werden, fügte er an, „das dient der Integration“.

Bei der Prüfplatzsituation gebe es weiterhin große Schwierigkeiten, sagte er, erst im Lauf des ersten Halbjahres 2022 dürfte sich das auflösen. „Die Versprechen des TÜV, alles dafür zu tun, zeigen offenbar Wirkung.“

Nicolai ging im Anschluss auf die explodierenden Kraftstoffpreise ein und gab die Auskunft des BVF-Syndikus weiter, wie damit in Alt- und Neuverträgen mit Fahrschülern umgegangen werden muss. So seien Preiserhöhungen wegen gestiegener Spritkosten bei laufenden Verträgen nicht möglich, sagte er, könnten aber im Einvernehmen mit den Kunden erhöht werden. Bei Neuverträgen bestehe dagegen jederzeit die Möglichkeit, die Entgelte neu zu kalkulieren.  

Größere Fahrschulen sowie Umsatzplus

„Fahrschulen haben ihre Pkw-Fahrzeugflotte teilweise auf E-Fahrzeuge umgestellt“, sagte Nicolai. Insgesamt habe der Anteil an Neuzulassungen von E-Fahrzeugen in Deutschland Ende 2021 bei 23 Prozent gelegen. Die Anzahl der Fahrschulen in Deutschland habe in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen, es werde aber in Zukunft größere Fahrschulen geben sowie ein „erhebliches Umsatzplus“. Ein schwieriges Thema sei weiterhin der Fahrlehrermangel: 59 Prozent der Kollegen seien über 55, gab er zu bedenken. Dennoch sei ab 2020 eine leichte Steigerung der Fahrlehr-Erlaubnisse zu sehen. „Die Fahrlehrerrechtsreform zeigt Wirkung. Unser Beruf wird wichtiger“, stellte er fest.

Ab 1. Juni müssen Fahrerassistenzsystemen zur Längs- und Querführung in der Prüfung auf Verlangen des Prüfers verwendet werden – oder dürfen von diesem untersagt werden. „Aber es gibt keine Frist, bis wann Prüfungsfahrzeuge über diese Systeme verfügen müssen“, betonte Nicolai, „alte Fahrzeuge dürfen weiter benutzt werden“. Auf der Website des TÜV gebe es Anwenderhinweise zum Download. Der BVF-Vertreter ging auch auf offene Fragen zum Thema Online-Theorieunterricht ein. Geklärt werden müsse, sagte Nicolai, ob künftig jede Fahrschule selbst entscheiden könne, ob sie Präsenz- oder Onlineunterricht oder beides anbieten möchte. „Wir müssen überlegen, wie wir digitale Medien in den Unterricht integrieren, dazu sind fachdidaktische Beobachtungen nötig.“ Fachfremde Player sollten mit Blick auf die Verkehrssicherheit keinen Einfluss gewinnen. Außerdem müsse entschieden werden, inwieweit OFSA II inklusive obligatorischer Lernstandskontrollen und der Abschaffung des Paternoster-System eingeführt werden.      

Bei den neuen Ausbildungsnachweisen gebe es den Hinweis nicht mehr, wann die Ausbildung abgeschlossen wurde, sagte er. Dazu sei eine Extra-Bescheinigung nötig. „Alte Bescheinigungen können vorerst weiterverwendet werden.“

Fahrlehrerversicherung: Vorsicht Elementarschäden!

Sylke Bub, Vorstand der Fahrlehrerversicherung, stellte zunächst Frank Schönemeier, den neuen Direktionsbeauftragten für Bremen vor, ehe sie in ihrem Vortrag über die Entwicklungen in ihrem Unternehmen berichtete.

Sie betonte das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Fahrlehrerversicherung und Berufsstand und sprach kurz darüber, wie ihr Unternehmen während der pandemiebedingten Fahrschulschließungen über die Hilfspakete Beiträge rückerstattet und im schadenarmen Jahr 2020 mit den Beitragszahlungen verrechnet habe.

Bub zeigte auf einer Übersicht die heftigsten Schadenfälle in der Geschichte der Fahrlehrerversicherung und warnte, dass nur knapp die Hälfte der Gebäude in Deutschland gegen Elementarschäden versichert sei. "Und bitter wird es dann, wenn man nicht wusste, dass diese Schäden nicht in der Versicherung eingeschlossen sind - was vor allem bei älteren Verträgen häufig der Fall ist." Wer Schutz gegen Naturgefahrenschäden haben wolle, sollte deshalb sicherheitshalber in seiner Police nachschauen oder bei seiner Landesagentur nachfragen. Auch in der Geschäftsgebäudeversicherung können Fahrlehrer sich seit vergangenem Jahr gegen Naturgefahren versichern, ergänzte Bub.

Neuer Unfalltarif in Arbeit

Die Vorständin stellte einige bestehende und geplante Produkte vor. So sei Ende 2021 ein neuer Pkw-Tarif entstanden. "Zwischenzeitlich haben mir schon zwei Fahrschulen erzählt, dass sie einen unabhängigen Makler beauftragt hatten, den besten Versicherer für ihre Pkw zu finden. Und die Makler haben die Verträge geprüft und gesagt: Sie können nichts Besseres als die Fahrlehrerversicherung anbieten."

Aktuell arbeite man an einer neuen Unfallversicherung, "die mindestens genauso gut werden wird", kündigte sie an. Außerdem können Fahrlehrer, die kostenlos ukrainische Flüchtlinge aufnehmen, diese bei der Fahrlehrerversicherung derzeit - ohne einen zusätzlichen Beitrag zahlen zu müssen - in ihre Haftpflicht-, Hausrat- und/oder Gebäudeversicherung einschließen lassen.

Die Fahrlehrer, die ihre Lkw und Busse in einem Tarif versichert haben, der Fahrten außerhalb der Ausbildung nicht beziehungsweise nur eingeschränkt zulässt, können von der Fahrlehrerversicherung eine Ausnahmegenehmigung bekommen, wenn sie damit Hilfstransporte für ukrainische Flüchtlinge fahren möchten. "Aber hier ist wirklich wichtig, dass ihr uns deshalb vorher anruft oder anmailt, damit wir euch die Ausnahmegenehmigung schicken können und ihr versichert seid", sagte Bub.

Die Fahrlehrerversicherung sei "ein ganzer Stall voll engagierter Menschen, denen die Fahrlehrerschaft wirklich am Herzen liegt", betonte sie. "Und die Fahrlehrerversicherung, das seid auch ihr, ihre Mitglieder. Meldet euch, wenn euch was auf dem Herzen liegt. Es wird immer unsere erste Priorität sein, für jedes Anliegen die bestmögliche Lösung zu finden!"

Lernstandsbeurteilungen als Qualitätsfaktor

Bianca Bredow vom IPV Institut für Prävention und Verkehrssicherheit gab einen Überblick über die Chancen und Einsatzmöglichkeiten der elektronischen Lernstandsbeurteilung eLbe. Per Livestream zugeschaltet erklärte sie den Fahrlehrern den Nutzen für die Praxis: „Mit eLBe sollen Fahrlehrer zuverlässig und rechtssicher dokumentieren können, wann sie welche Aufgaben trainiert haben“, sagte sie. Es könne außerdem systematisch beurteilt werden, wie gut die Fahrschüler ihre Aufgaben bewältigt hätten. eLBe greife die Vorgaben der Fahrschul-Ausbildungsordnung auf.

Mehr noch als Intelligenz und Motivation seien die pädagogische Ausbildungsqualität inklusive Lernstandsbeurteilung der wichtigste Faktor für pädagogische Ausbildungsqualität, sagte Bredow. Lernstandsbeurteilungen gäben „wertvolle Hinweise“ zum Kompetenzniveau der Fahrschüler, unterstützen den Lernprozess und können motivierend wirken. „Fahrlehrern ermöglichen sie eine zielgerichtete Steuerung der Ausbildung.“ Außerdem könne eLBe bei Rechtsstreitigkeiten als Nachweis der Ausbildung herangezogen werden. Bredow führte durch das Online-Tool und zeigte, wie einfach und intuitiv die Bedienung gelingt.

Enttäuschung über zentralisierte Theorieprüfung

Verbandsvorsitzender Michael Kreie gab im internen Teil am Nachmittag zunächst einen Überblick über die Arbeit des Vorstands im Berichtszeitraum, die unter anderem auch geprägt war von vielen Gesprächen mit dem TÜV zum Thema Prüfplatzknappheit.

Kreie kritisierte, dass die vor einigen Jahren im Bremer Stadtteil Oslebshausen zentralisierte Theorieprüfung nur noch montags und dienstags durchgeführt wird, statt – wie früher abgesprochen – von montags bis freitags.

Hier müsse man mit der Prüforganisation reden, sagte er, um dort vernünftige Kapazitäten aufzubauen. „Es ist wichtig, hier ins Gespräch zu kommen.“ Kritik äußerte er auch an der Bremer Führerscheinstelle: „Acht bis zwölf Wochen Antragsfristen sind keine Seltenheit“, sagte er. Es gebe zwar bereits neue Mitarbeiter, aber die bräuchten natürlich Einarbeitung. Eventuell könne ja die für die nächste Zeit geplante Digitalisierung der Behörde Abhilfe schaffen.

Ein weiteres dringendes Thema: Seit Juni müssen die Fahrschulen Fahrerassistenzsysteme ausbilden, außerdem kann deren Einsatz in der praktischen Prüfung verlangt werden. Dazu habe sich der TÜV Nord nun offenbar ACC (Adaptive Cruise Control) ausgesucht, sagte Kreie und wünschte sich zügig weitere Informationen, um diese an seine Mitglieder weiterzureichen. TÜV Süd und Hanse hätten diese Informationen offenbar schon nach außen kommuniziert.

„Wollen weiterhin Theorie haben“

„Wir müssen uns organisieren“, rief er den anwesenden Fahrlehrern zu, „zum Beispiel über die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände, die überregional in vielen Arbeitskreise sitzt, denn eines darf nicht passieren: Wir wollen keinen Online-Theorieunterricht mit großen, überregionalen Ausbildern. Denn dann sind wir irgendwann nur noch praktische Ausbilder. Wir wollen weiterhin die Theorie haben, vor allem beim Motorrad.“      

Nach der einstimmigen Entlastung des Vorstands standen die Wahlen zum 2. und 3. Vorsitzenden auf der Tagesordnung, außerdem wurden die Kassenprüfer neu gewählt. Michael Schallhorn und Klaus Lüttig wurden einstimmig in ihren Ämtern bestätigt.

Kreies Fazit: „Auch wenn die Mitgliederversammlung etwas anders ablief als geplant, war das eine äußerst interessante Veranstaltung mit vielen guten Gesprächen und Kontakten.“ Er kündigte den nächsten Verbandstag für April 2023 an und wies auf die Veranstaltung der Nordverbände am 18. und 19. November dieses Jahres hin.

 


Mitgliederversammlung Bremen 2022

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KOMMENTARE


Mario

27.05.2022 - 18:28 Uhr

Es gibt junge und junggebliebene Fahrlehrer die es online drauf haben, und es gibt Fahrlehrer die ist eben nicht draufhaben. Es generell zu verbieten ist der falsche Weg und rückwärtsgewandt. Traurig dass die "alten Säcke" das Ruder in der Hand haben. ;(


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