FAHRSCHULE: Was verbindet Sie als Vertreter des Fachverbands der Fahrschulen der Wirtschaftskammer Österreich mit dem Fahrschulwesen in Deutschland?
Dr. Stefan Ebner/Dr. Joachim Steininger: Bei der Verkehrssicherheit ist Deutschland besser als Österreich. In Deutschland liegt mit 39 Verkehrstoten pro Million Einwohner das Verkehrsrisiko um 20 Prozent niedriger als in Österreich. Österreich liegt eine halbe Liga hinter Deutschland, aber beide Länder liegen klar über dem EU-Durchschnitt. Eine hohe Qualität der theoretischen und praktischen Führerscheinausbildung ist in beiden Ländern gegeben. Ein unüberlegtes Umbauen der Führerscheinausbildung kann frühere Errungenschaften schnell wieder untergraben. Es gibt jedoch österreichische Besonderheiten: In Österreich sind die Fahrschulen kleinere und mittlere Familienbetriebe, ohne Groß-Fahrschul-GmbHs und ohne Ein-Personen-Fahrschulen wie in Deutschland. An den 500 Fahrschulstandorten für 9 Millionen Einwohner finden sämtliche Computerprüfungen statt. Die österreichischen Fahrschulen machen Eintragungen ins staatliche Führerscheinregister. Der Staat lagert laufend Aufgaben weiter auf die Fahrschulen aus. Ein gemeinsames Bekenntnis ist sicherlich, dass die Tätigkeit einer Fahrlehrerin und eines Fahrlehrers weiterhin einen anerkannten Stellenwert besitzen soll.
FS: Gibt es in Österreich eine ähnliche Situation, was die Rechtfertigung der Kosten des Führerscheins angeht?
Ebner/Steininger: Die Kosten des Führerscheins werden in Österreich halb so aufgeregt diskutiert. Das kann sich natürlich von einem Tag auf den anderen ändern. Die Kostenfaktoren sind unglaublich vielfältig. Jede Fahrschule hat eigene lagebedingte Kalkulationsgrundlagen. Preisunterschiede können schon in Kleinregionen sehr ausgeprägt sein. Mit steigendem Ausbildungsumfang steigt natürlich auch das Fahrkönnen. Die Politik sucht halt gerne nach Strohhalmen, die allgemeine Teuerung zu bekämpfen. Der Politik erscheint es mancherorts auch
populär, mit dem Thema Abspecken beim Führerschein auf vollmundigen Stimmenfang bei jungen Wählern zu gehen. In Österreich müssen die Fahrschulen ihre Führerscheinkosten wahlweise ins Internet stellen oder bei der Eingangstüre anbringen.
FS: Wie erleben Sie die Debatte um die vom deutschen Verkehrsminister geplante Reform der Fahrschulausbildung, mit dem Ziel, die Kosten zu senken und wie sehen die Pläne des Ministers?
Ebner/Steininger: Beim Theorieunterricht herrscht in Österreich ein volles Bekenntnis zum hundertprozentigen Präsenzunterricht. Vor allem die Schaffung eines Gefahrenbewusstseins und die Einstellungsbildung sollen das Fahranfänger- und Jugendlichen-Risiko minimieren, neben der Wissensvermittlung zum Regelwerk natürlich. Distance Learning kann soziale Unterschiede fördern. Für die Pkw-Theorieprüfung müssen in Österreich die Schüler rund 1.400 Fragen lernen. Die Durchfallsquote bei der Theorie wurde auf etwa ein Drittel verbessert, weil unsere Experten die Fragen mit den meisten Falschantworten laufend redaktionell überarbeiten. Reduziert man die Anzahl der Prüfungsfragen, ist die prüfungsdidaktische Herausforderung, nicht linear zu kürzen, sondern fachkundig zu verdichten. Denn der Fahrschüler soll über das gleiche Niveau an Kompetenz verfügen und den Lernstoff verstanden haben. Simulatoren sind in Österreich kaum verbreitet. Wir können uns vorstellen, das praktische Fahren auf der Autobahn zu erweitern anstatt der Nachtfahrt. Die baulichen und sonstigen Genehmigungsauflagen für Fahrschulen sind weitgehend akzeptiert. Agieren örtliche Fahrschulinspektionen zu rigoros, spricht die Branchenvertretung dies bei den Behörden an.
FS: Minister Schnieder hat ja seine Vertreter zu Ihnen entsandt. Welchen Zweck hatte die Reise und können Sie abschätzen, welche Erkenntnisse gewonnen werden konnten?
Ebner/Steininger: Die EU schafft eine Einheitlichkeit bei den Prüfungen. Die Schulung bleibt praktisch national. Die Führerscheinausbildung ist in Österreich kürzer. Bei uns gibt es jedoch die sogenannte zweite Phase im ersten Jahr des Führerscheinbesitzes. Dabei müssen die Führerschein-Neulinge zwei Perfektionsfahrten mit einem Fahrlehrer und ein Fahrsicherheitstraining innerhalb von zwölf Monaten absolvieren. Eine österreichische Besonderheit ist weiters, dass in der Alpenrepublik 40 Prozent aller 17-Jährigen alleine ohne Elternbegleitung fahren.
Das Begleitete Fahren mit den Eltern ist in Österreich schon ab 15,5 Jahren möglich und das schon seit 25 Jahren. Die Unfallstatistiken sind positiv. Erörtert wurde weiters der Zugang zum Berufskraftfahrer.
FS: Gibt es noch etwas, das Sie den Fahrschulbetreibern und Fahrlehrern in Deutschland mitteilen möchten?
Ebner/Steininger: Die EU-Staaten gehen bei der Führerscheinausbildung unterschiedliche Wege. So hat Österreich noch keine Regelung für eine vereinfachte Streichung des Code 78 (Automatikbeschränkung). Auch bei der Prüfung der Assistenzsysteme ist Deutschland voran. Die Umsetzung der neuen EU-Führerschein-Richtlinie bietet demnächst Anlass für Neuerungen. Einer behutsamen Weiterentwicklung ist jedoch der Vorzug zu geben. Eine Politik, die aus Ankündigungen besteht, ohne die Auswirkungen für die Verkehrssicherheit und die künftigen Kosten des rosa Scheins ausreichend abzuschätzen, bringt niemandem etwas. Die aktuellen Verwerfungen bei den Schülerzahlen aufgrund der Ankündigungen der Politik müssen alle Fahrschulen hinterher wieder ausbügeln wie nach der unverschuldeten Corona-Lücke des Jahres 2020.