Ergebnisse der MOVING Umfrage: Reformpläne verursachen Krise in der Branche

27.01.2026 13:15 Uhr | Lesezeit: 7 min
Bundesverkehrsministerium Berlin
Die Umfrage belegt, dass die Pläne zur Fahrschulausbildungsreform drastische Folgen haben
© Foto: picture alliance / Joko | Joko

Laut der bundesweiten Umfrage der MOVING resultiert die Ankündigung eines "günstigeren Führerscheins" seit Herbst 2025 in massiver Verunsicherung und drastischen Einbrüchen bei Neuanmeldungen.

Als Verkehrsminister Patrick Schnieder im Oktober 2025 eine Reform des Führerscheinerwerbs ankündigte und dabei einen "günstigeren Führerschein" in Aussicht stellte, brach in den folgenden Monaten die Zahl der Führerschein-Neuanmeldungen deutlich ein. In einem Eckpunktepapier war unter anderem vorgesehen, den Präsenz-Theorieunterricht abzuschaffen und durch rein digitale Lernformate zu ersetzen. Diese Ankündigung sorgte bundesweit für Schlagzeilen - und für so große Verunsicherung, dass der Minister im Dezember 2025 zurückrudern musste. Er warnte ausdrücklich davor, auf einen preiswerteren Führerschein zu warten; eine Umsetzung werde noch dauern. Doch da war die Unsicherheit unter Fahrschülern und Fahrschulen längst entstanden - und wirkt bis heute nach.

Branchenvertreter kritisieren, der Ansatz sei unausgereift: Reine Online-Theorie vermittle Inhalte weniger nachhaltig, was in der Folge zu mehr praktischen Fahrstunden führen könne - dem teuersten Teil der Ausbildung. Damit würde der Führerschein am Ende nicht günstiger, sondern teurer. Zudem machen Personalkosten rund 50 Prozent der Gesamtausgaben einer Fahrschule aus - von Fahrlehrern über Verwaltung bis zur Prüfungsorganisation. Hinzu kommen steigende Kosten etwa für Fahrzeuge. Deshalb stellt die Branche die Frage: Wie will der Minister die allgemein steigenden Kosten dämpfen, wenn gleichzeitig der Präsenzunterricht wegfallen soll und mehr praktische Stunden notwendig werden?

Aktuelle Studie zeigt: Rückgang hält auch im Januar an

Eine bundesweite Umfrage der MOVING International Road Safety Association e.V. unter 2.424 Fahrschulen im Januar zeigt deutlich: Die Klarstellung des Ministers konnte den Trend nicht stoppen, im Gegenteil – er verstärkte sich. Insgesamt berichten 84,14 Prozent der Fahrschulen von einem Rückgang der Neuanmeldungen seit November 2025 gegenüber dem Vorjahr. Der durchschnittliche Rückgang liegt bei 54,20 Prozent. Besonders stark betroffen sind mehrere Bundesländer: Bayern (87 %), Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen (je 86 %), Rheinland-Pfalz (88 %), Schleswig-Holstein (91 %) und Hamburg (92 %) – teils weit über dem Bundesdurchschnitt.

Die Ergebnisse zeigen zudem, dass der Rückgang nicht regional begrenzt ist: In Großstädten verzeichnen 90 Prozent der Fahrschulen Einbußen von durchschnittlich 58 Prozent. In Mittelstädten betrifft dies 84,49 Prozent (−54 %), in Kleinstädten 81 Prozent (−52,3 %) und im ländlichen Raum 80 Prozent (−52 %). "Der besonders starke Rückgang in Großstädten ist nachvollziehbar, da der Führerschein dort teurer ist. Alarmierend ist jedoch, dass selbst Fahrschulen im ländlichen Raum massiv betroffen sind", so Jörg Michael Satz, Präsident von MOVING.

Politische Ankündigung als Auslöser einer wirtschaftlichen Krise

91,85 Prozent der Fahrschulen nennen die geplante Reform des Bundesverkehrsministeriums als Hauptursache für den Einbruch. Die Studie belegt damit eindeutig: Der sogenannte "Schnieder-Effekt" ist der zentrale Auslöser. Die Folgen sind gravierend: 93,99 Prozent berichten von Umsatzeinbußen, 42,42 Prozent von Liquiditätsproblemen, 37,56 Prozent mussten Personal abbauen, 64,48 Prozent verschieben Investitionen und 65,87 Prozent beklagen massive Planungsunsicherheiten. Viele berichten sogar von Kurzarbeit, Existenzängsten, drohender Insolvenz oder geplanten Schließungen.

Drohender Ausbildungsstau statt Kostensenkung

Bleibt der Rückgang von rund 50 Prozent bestehen, droht ein erheblicher Ausbildungsstau. Bei jährlich rund einer Million praktischen Prüfungen der Klasse B könnten sich bis 2027 etwa 500.000 nicht absolvierte Prüfungen ansammeln, die nachgeholt werden müssten - insgesamt wären dann bis zu 1,5 Millionen Prüfungen erforderlich. "Aus der Corona-Zeit wissen wir, dass Fahrschulen und Prüfstellen dabei schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen", warnt Satz. Die Folge wäre nicht ein Preisrückgang, sondern eine Preisexplosion. Bis heute fehlt ein konkreter Plan des Verkehrsministeriums, wie die Führerscheinkosten tatsächlich sinken sollen. Vorschläge wie die Abschaffung des Präsenzunterrichts bleiben vage - ohne belastbare Einsparberechnungen und ohne Berücksichtigung der steigenden Kosten in Personal, Fahrzeugen und Betrieb.

Verkehrssicherheit gerät ins Hintertreffen

Auch sicherheitspolitisch sieht die Branche Risiken: "Für Vision Zero ist das fatal", warnt Satz. Der Wegfall des Präsenzunterrichts schwäche die Interaktion zwischen Lehrkraft und Lernenden sowie unter den Schülern selbst - ein wichtiger Faktor für nachhaltiges Lernen. Auswertungen der TÜV DEKRA arge tp 21 GmbH zeigen, dass die häufigsten Prüfungsfehler Vorfahrt, Verkehrsverhalten und Situationsbewertung betreffen - genau jene Bereiche, die im Präsenzunterricht besonders intensiv vermittelt werden.

Forderung: Klarer Kurswechsel statt weiterer Verunsicherung

MOVING fordert daher eine datenbasierte Neubewertung der Reform, eine wissenschaftliche Analyse der Durchfallquoten sowie einen strukturierten Dialog mit der Branche - bevor wirtschaftliche Schäden, Ausbildungsstaus und Sicherheitsrisiken weiter anwachsen.

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