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Mangelware Prüfplätze

Stephan Ackerschewski bei seinem Vortrag
© Foto: Saskia Doll

Zum ersten Mal lud Stephan Ackerschewski als 1. Vorsitzender des Fahrlehrerverbands Berlin zur Mitgliederversammlung. Bei seiner Prämiere ging es gleich zur Sache: Denn schlechte Kommunikation der Prüforganisationen und zu wenig Prüfplätze erschweren das Geschäft vieler Berliner Fahrschulen.


Datum:
28.06.2022
Autor:
Saskia Doll
Lesezeit:
7 min
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Am 21. Mai empfing der Vorstand des Berliner Fahrlehrerverbands seine Mitglieder zum Verbandstag. Zahlreiche Teilnehmer und Aussteller versammelten sich im Konferenzsaal des Estrel. „Schön, dass wir uns wieder in Präsenz treffen können“, stellte Ackerschewski fest und schloss an seine Begrüßung die Großworte der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher und Klimaschutz an: „Die Senatsverwaltung kennt die besonderen Herausforderungen für die Fahrschulen derzeit und wertschätzt die professionelle Fahrschulausbildung.“ Ferner sei der Senatsverwaltung bewusst, dass die Fahrschulen einen wesentlichen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten und dafür Sorge tragen, dass alle sicher ans Ziel kommen.

Sorgenvoller Blick in die Ukraine

Im Anschluss stellte sich Ralf Nicolai vor, der als 2. stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF) ebenfalls erstmals die Berliner Fahrlehrerschaft über die Neuigkeiten auf Bundesebene informierte. Doch zunächst kam er auf den Ukraine-Krieg zu sprechen. „Wer von uns hätte noch vor wenigen Monaten gedacht, dass 77 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs der russische Präsident einen brutalen und menschenverachtenden Angriffskrieg gegen das ukrainische Volk führen würde?“, fragte er. Respekt und Dank empfinde er für die Fahrschulen, die Geld, Sachspenden und ihre Fahrzeuge für Hilfsleistungen zur Verfügung stellen.

Der Führerschein sei für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine oftmals die Eintrittskarte in den deutschen Arbeitsmarkt, daher forderte Nicolai, die Ukraine in die entsprechende Staatenliste der Anlage 11 FeV aufzunehmen, um eine prüfungsfreie Umschreibung zu ermöglichen. Ukrainisch sollte nach Ansicht des 2. stellvertretender Vorsitzenden außerdem als Prüfungssprache aufgenommen werden. „Diese beiden Schritte könnten mit Sicherheit zur Integration der Neuankömmlinge beitragen“, so Nicolai. 

Preisanpassung nur mit Einverständnis des Kunden

Neben vielen anderen Branchen leide auch die Fahrschulbranche unter den explosionsartig gestiegenen Energiekosten. Aufgrund der höheren Kosten die Ausbildungsentgelte während der Vertragslaufzeit anzupassen, sei aber nur im Einvernehmen mit dem Kunden rechtens, merkte Nicolai an. Bei Neuverträgen bestehe dagegen jederzeit die Möglichkeit, die Entgelte neu zu kalkulieren.  

Mit Blick auf die vergangenen beiden Pandemiejahre prophezeite der BVF-Vertreter: „Die Folgen von Corona werden uns noch eine ganze Weile beschäftigen.“ So gebe es noch immer große Schwierigkeiten bei der Prüfplatzsituation, der TÜV bemühe sich um die Überwindung dieser Krise. „In absehbarer Zeit wird das hoffentlich zur Normalität führen.“

Wirtschaftswachstum in der Branche

Die Anzahl der Fahrschulen in Deutschland nehme zwar seit Jahren kontinuierlich ab, aber die Anzahl der großen Fahrschulen mit mehreren angestellten Fahrlehrern steige – wie auch der Umsatz der Branche. Ein schwieriges Thema sei weiterhin der Fahrlehrermangel: 59 Prozent der Kollegen seien über 55, gab Nicolai zu bedenken. Hier gebe es aber auch positive Entwicklungen: Seit 2020 sei eine leichte Steigerung der Fahrlehr-Erlaubnisse sichtbar.

Der 1. Juni ist der Stichtag, ab dem die Nutzung von Fahrerassistenzsystemen zur Längs- und Querführung in der Prüfung auf Verlangen des Prüfers verwendet oder untersagt werden kann. „Aber es gibt keine Frist, bis wann Prüfungsfahrzeuge über diese Systeme verfügen müssen“, betonte Nicolai. Damit seien auch alte Fahrzeuge weiter verwendbar. Die derzeit verbindlichen Anwenderhinweise zur Nutzung der FAS stelle der TÜV zum Download bereit.

Gegen Ende seines Vortrags ging Nicolai noch auf offenen Fragen zum Thema Theorieunterricht ein. Geklärt werden müsse, ob künftig jede Fahrschule selbst entscheiden könne, ob sie Präsenz- oder Onlineunterricht oder beides anbieten möchte. Außerdem gelte es zu entscheiden, inwieweit OFSA II inklusive obligatorischer Lernstandskontrollen in das neue Regelwerk zum Theorieunterricht Einzug halten werde. „Unzweifelhaft müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie wir das Lernen mit digitalen Medien besser in die Ausbildung integrieren können“, erklärte Nicolai. Dennoch dürfe man nicht einfach unreflektiert und auf Kosten der Verkehrssicherheit mit Unterrichtsformen experimentieren. Vielmehr sei eine Verzahnung des bewährten Präsenzunterrichts mit innovativen E-Learning-Modulen denkbar.

Einen kleinen Einblick in die Elektromobilität und die Möglichkeiten alternativer Antriebe bot Uwe Hellmich, Key Account Manager bei Volvo Trucks. Er erläuterte einige technische Details zu den batterieelektrischen Nutzfahrzeugen und wie sich die Anschaffung eines E-Trucks rechnen könne. Da die Anzahl der elektrischen Lkw in den Fuhrparks in den kommenden Jahren rapide zunehmen werde, sei es notwendig, die zukünftigen Fahrer darauf vorzubereiten. Von der Optik und Ausstattung des Volvo FE Electric konnten sich die Teilnehmer selbst überzeugen – ein entsprechendes Fahrzeug war Teil der Fachausstellung.

Dekra unter Druck

Über die Zusammenarbeit mit der Dekra als Prüforganisation berichtete der Leiter Fahrerlaubniswesen der Dekra Automobil Thomas Riedel. Insgesamt konnte die Dekra in Berlin im Jahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr 4,6 Prozent weniger theoretische und 9,7 Prozent weniger praktische Fahrerlaubnisprüfungen abhalten. Diese Entwicklung führte Riedel auf die besonderen Umstände in der Pandemie und die Einführung der Optimierten Praktischen Fahrerlaubnisprüfung (OPFEP) zurück. „Um dasselbe Prüfaufkommen zu realisieren wie zuvor, ist jetzt eine um 22 Prozent höhere Kapazität erforderlich“, gab er zu bedenken. Dennoch sei die Dekra immer wieder in der Lage gewesen, nach Phasen des Stillstands im Lockdown wieder auf Höchstleistung hochzufahren – das sei durch einen kontinuierlichen Aufbau und die Weiterbildung des Personals gelungen. Die neuen Anforderungen durch OPFEP habe darüber hinaus auch in Berlin zu keinen signifikanten Änderungen in der Erfolgsquote geführt.

Im ersten Quartal 2022 sind laut Riedel bereits 17, 1 Prozent mehr praktische Fahrerlaubnisprüfungen als im gleichen Zeitraum im letzten Vor-Coronajahr 2019 durchgeführt worden. Das belege die Anstrengungen der Prüforganisation. Viele der anwesenden Fahrlehrer sahen das allerdings entschieden anders. Sie beschwerten sich über extrem lange Wartezeiten von teilweise mehreren Monaten, schlechte Erreichbarkeit der Ansprechpartner und deutlich zu wenig Prüfplätze pro Fahrschule. Die Lage sei so angespannt, dass in einigen Bezirken bereits ein Sicherheitsdienst die Mitarbeiter der Fahrschulen vor den aufgebrachten Fahrschülern schützen müsse.

Riedel räumte ein, dass Berlin das „schwierigste Pflaster bei der Vergabe von Prüfplätzen“ sei. Daher biete die Dekra einen eigens geschaffenen Aktionstag am 11. Juni an, bei dem mit Prüfern auch aus anderen Bundesländern rund 200 Extra-Prüfungen an einem Samstag abgehalten werden können. Zudem könne die weiter fortschreitende Digitalisierung in der Antragsstellung und der Kommunikation mit der Behörde in Zukunft Erleichterung bringen. „Ihre Kritik ist angekommen, aber Sie sehen – wir tun auch was“, schloss Riedel.

TÜV: „Mehr geht nicht“

Auch für Andreas Röse, den Leiter der TP Berlin des TÜV Rheinland, und seine Mitarbeiter sei es „hoch ärgerlich und bedauerlich in dieser angespannten Situation zu arbeiten“. Er bat jedoch um Verständnis: „Wenn wir sechs Wochen nicht prüfen durften, konnten wir automatisch rund 3.000 praktische Prüfungen nicht durchführen.“ Diese „Lockdown-Löcher“ habe man auch wegen Personalmangels bis heute nicht abbauen können. Nichtsdestotrotz seien beim TÜV im ersten Drittel des Jahres 2022 neun Prozent mehr Prüfungen gefahren worden als im ersten Jahresdrittel 2019. Vergleiche mit den Jahren 2020 und 2021 halte Röse wegen der besonderen Corona-Situation für wenig aussagekräftig. Unter Berücksichtigung der höheren Anforderungen durch OPFEP bedeute das eine Produktivitätssteigerung von 30 Prozent. „Mehr geht nicht“, sagte Röse.

Zur Prüfung der Fahrerassistenzsysteme ab Juni gab Röse der Fahrlehrerschaft mit: „Bleiben Sie entspannt!“ In Berlin wolle der TÜV die neue Prüfregelung sehr moderat umsetzen. Eine falsche Nutzung der Assistenzsysteme werde zudem nur als leichter Fehler bewertet.

Fahrlehrerversicherung: Für den Berufsstand

Die Vorständin der Fahrlehrerversicherung Sylke Bub unterstrich in ihrem Vortrag den starken Zusammenhalt zwischen Fahrlehrerversicherung und Berufsstand. Als Beispiel nannte sie die Hilfspakete der Versicherung während der Lockdowns ihre Versicherten und die Beiträge, die durch das schadenarmen Jahr 2020 rückerstattet werden konnten. 2021 stand bei der Versicherung unter dem Einfluss der Naturgefahrenschäden.

Eine Auflistung der heftigsten Schäden in der Geschichte der Fahrlehrerversicherung zeigt laut Bub deutlich, dass diese mit den Jahren immer schlimmer werden. Dass nur knapp die Hälfte der Gebäude in Deutschland auch gegen Elementarschäden versichert sind, sei unter diesen Voraussetzungen bedenklich. "Wenn es eine bewusste Entscheidung ist, sich gegen Naturgefahren nicht abzusichern, ist das natürlich vollkommen in Ordnung." Bitter werde es aber, wenn einem nicht bewusst war, dass der Naturgefahrenschutz nicht in den gewählten Versicherungstarif eingeschlossen ist. "Also, wenn Ihr Naturgefahrenschutz wollt, bitte schaut auf Eure Police, ob er wirklich eingeschlossen ist oder fragt in Eurer Landesagentur oder in Stuttgart nach." Auch in der Geschäftsgebäudeversicherung gebe es mittlerweile die Möglichkeit, Elementarschutz dazuzubuchen.

Zusätzlich sei im vergangenen Jahr ein "Hammer-Pkw-Tarif" entstanden. "Jeder kann sich jetzt - zu einem richtig guten Preis - den Versicherungsschutz aussuchen, den er haben will. Fahrschulen bekommen - ohne Aufpreis - grundsätzlich die allerbesten und umfassendsten Leistungen", so Bub. Aktuell arbeite man an einer neuen Unfallversicherung, "die mindestens genauso gut werden wird", kündigte sie an. Fahrlehrern, die mit ihren als Fahrschule-Fahrzeuge versicherten Lkw und Bussen in die Ukraine fahren, um dort zu helfen, biete die Fahrlehrerversicherung außerdem eine beitragsfreie Mitversicherung dieser Fahrten an. Dafür müsse die Fahrt jedoch vorab angemeldet werden. Dasselbe gelte für die kostenlose Aufnahme von Geflüchteten: "Funkt uns an, dann schließen wir die Geflüchteten kostenlos in Eure Haftpflicht-, Hausrat oder Wohngebäudeversicherung mit ein."

Prüfplatzmangel: Brennpunkt Berlin

Den Jahresbericht eröffnete Ackerschewski anschließend mit ein paar Zahlen und Fakten: Der Vorstand habe an 109 Terminen teilgenommen, die Zahl der Mitglieder sei mit 382 leicht gestiegen, aufgrund der Pandemie haben die verschiedenen Arbeitskreise insgesamt nur acht Veranstaltungen durchführen können. Ein laufendes Projekt präsentierte die 2. Stellvertreterin Christiane Jordan, die zusammen mit einem eigens gegründeten Arbeitskreis an einem neuen und nutzerfreundlicheren Internetauftritt des Verbands arbeitet. Ackerschewski stellte darauf noch die neuen Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle Farina Breuning und Ines Maletzky vor.

Das Thema der fehlenden Prüftermine habe den Verband besonders intensiv beschäftigt. Ein Symposium mit den Technischen Prüfstellen und der Senatsverwaltung im Oktober, vier weitere Treffen mit den Prüfstellen und sieben Gespräche mit Pressevertretern hätten nicht zum Erfolg geführt. Auch Ackerschewski bestätigte die zum Teil extrem angespannte Situation in den Fahrschulen vor Ort. Wartezeiten auf einen Prüftermin von mehr als einem halben Jahr seien für Fahrschüler wie Fahrlehrer unzumutbar. „Das kann so nicht weitergehen, hier brennt die Luft.“

Trotz mehrfacher Interventionen und Anträgen bei der Senatsverwaltung sei bisher noch keine zufriedenstellende Lösung in Aussicht. Ein weiteres Gespräch mit der Senatsverwaltung sei noch ausständig. „Wenn ihr noch Vorschläge habt, schreibt sie mir“, bat Ackerschewski. Nach der Vorstellung des Kassenberichts und der Entlastung des Vorstands beendete der Vorsitzende die Veranstaltung mit den Worten: „Wir bleiben dran, versprochen!“

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