Interview: "Der Staat hat die Aufgabe, für Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen"

06.11.2026 11:30 Uhr | Lesezeit: 5 min
Jörg-Michael Satz Symposium 2024
Jörg-Michael Satz am FAHRSCHULE & BKF Symposium 2024 in Dortmund bei seinem Vortrag
©Foto: Sarah Jabs

Die Reform bleibt nach wie vor Thema Nummer eins in der Branche. Was Jörg-Michael Satz, der Präsident der MOVING International Road Safety Association, zu den Vorhaben sagt, lesen Sie im Interview.

FAHRSCHULE online: Was verbindet Sie als Präsident der MOVING International Road Safety Association mit dem Fahrschulwesen und wie sind Ihre Erfahrungswerte?

Jörg-Michael Satz: Das Fahrschulwesen ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Fahrschulen leisten einen entscheidenden Beitrag zur Verkehrssicherheit. Sie vermitteln nicht nur die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten zum Führen eines Fahrzeugs, sondern prägen auch das Risikobewusstsein und das Verhalten künftiger Verkehrsteilnehmer. Durch unsere internationale Arbeit verfolgen wir die Entwicklungen in anderen europäischen Ländern und tauschen uns mit Fachleuten und Organisationen aus. Dabei sehen wir, wie unterschiedlich Fahrausbildung gestaltet werden kann und welche Ansätze sich bewähren. Diese Erfahrungen bringen wir auch in die verkehrspolitische Diskussion in Deutschland ein.

Wo sehen Sie die Wirkung der MOVING und was waren die Highlights, die Sie umsetzen konnten?
Ein wichtiger Erfolg unserer Arbeit ist, dass wir die Fahrschulbranche mit belastbaren Zahlen und Analysen sichtbarer gemacht haben. Unser Branchenreport liefert inzwischen eine umfassende Datengrundlage zu Fahrschulstandorten, Beschäftigten, Fahrlehrern, Ausbildungskosten und wirtschaftlichen Entwicklungen. Diese Informationen werden auch in Ministerien und von politischen Entscheidungsträgern genutzt.

Darüber hinaus bringen wir uns aktiv in politische Entscheidungsprozesse ein. Wir führen regelmäßig Gespräche mit Bundestagsabgeordneten, Vertretern der Bundes- und Landesministerien sowie anderen politischen Entscheidungsträgern. Wir nehmen an Fachgesprächen des Bundesverkehrsministeriums teil, erarbeiten Stellungnahmen zu Gesetzentwürfen und unterbreiten konkrete Vorschläge.

Gerade bei der aktuellen Führerscheinreform ist dieser direkte Austausch besonders wichtig. Mit unseren repräsentativen Umfragen unter Fahrschulen und Fahrschülern sowie eigenen Berechnungen zeigen wir auf, welche Auswirkungen die geplanten Maßnahmen auf die Ausbildungsqualität, die Kosten, die Fahrschulen und ihre Beschäftigten haben könnten. Diese Erkenntnisse bringen wir gezielt in die politischen Gespräche ein, damit bei den Entscheidungen nicht nur mögliche Einsparungen, sondern auch die Verkehrssicherheit und die wirtschaftlichen Folgen berücksichtigt werden.


Kurz-Vita

Jörg-Michael Satz ist seit 2015 Präsident, zuvor Vizepräsident, der MOVING International Road Safety Association e.V. in Berlin und im regelmäßigen Austausch mit Entscheidungsträgern auf Bundes und EU-Ebene. Darüber hinaus ist Satz seit 2002 Dozent am Deutschen Verkehrspädagogischen Institut Frankfurt a. M. GmbH sowie bei der DVPI Gesellschaft für Verkehrspädagogik mbH in Hamburg. Er veröffentlicht regelmäßig Fachberichte, darunter den MOVING Branchenreport für Fahrschulen, und ist aktiv an der Gestaltung der Verkehrssicherheitsbranche beteiligt. In seiner Freizeit segelt Satz leidenschaftlich und war bis vor kurzem noch Vorsitzender der Hamburger Yachthafen-Gemeinschaft e.V.



Was müsste sich im Rahmen Ihrer Tätigkeit in Bezug auf das Fahrschulwesen zum Positiven entwickeln?
Ich wünsche mir, dass die Bedeutung einer professionellen Fahrausbildung wieder stärker in den Mittelpunkt der politischen Diskussion rückt. Fahrschulen sind Bildungseinrichtungen, und Fahrlehrer tragen eine große Verantwortung für die Sicherheit im Straßenverkehr. Diese Arbeit darf nicht allein unter Kostengesichtspunkten bewertet werden. Natürlich muss sich die Branche weiterentwickeln. Digitalisierung und moderne Ausbildungsmethoden bieten dafür viele Möglichkeiten. Entscheidend ist aber, dass sie die Ausbildung verbessern und nicht wichtige Ausbildungsbestandteile ersetzen. Gleichzeitig brauchen Fahrschulen verlässliche Rahmenbedingungen, um auch in Zukunft wirtschaftlich arbeiten und eine hochwertige Ausbildung anbieten zu können.

Wie sehen Sie die Reform der Fahrschulausbildung?
Wir halten eine Modernisierung der Fahrausbildung für notwendig. Einige Vorschläge, etwa der Abbau von Dokumentationspflichten oder der gezielte Einsatz von Simulatoren, gehen durchaus in die richtige Richtung.

Andere Maßnahmen betrachten wir dagegen mit großer Sorge. Dazu gehören insbesondere der vollständige Wegfall der verpflichtenden Präsenztheorie und die geplante Laienausbildung. Die Vorbereitung auf den Straßenverkehr erfordert mehr als das Bestehen einer theoretischen Prüfung oder das Beherrschen eines Fahrzeugs. Gefahren erkennen, Risiken richtig einschätzen und verantwortungsbewusst handeln – diese Fähigkeiten müssen systematisch vermittelt und eingeübt werden. Besonders kritisch sehen wir auch die Möglichkeit, die theoretische Motorradausbildung künftig ohne Fahrschule zu absolvieren. Gerade Motorradfahrer sind im Straßenverkehr besonderen Risiken ausgesetzt.

Auch das Modell der Laienausbildung wirft Fragen auf. Wir befürchten, dass dadurch zusätzlicher Verwaltungsaufwand entsteht und Ausbildungskosten lediglich in den privaten Bereich verlagert werden. Hinzu kommen mögliche wirtschaftliche Folgen für die Fahrschulen und ihre Beschäftigten. Wenn Einnahmen aus dem Theorieunterricht wegfallen, die laufenden Kosten aber bestehen bleiben, könnten sich diese stärker auf die Preise für praktische Fahrstunden verlagern.

Der Staat hat die Aufgabe, für die Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen. Aus unserer Sicht wird diesem Anspruch mit den derzeitigen Reformvorschlägen nicht ausreichend Rechnung getragen. Gleichzeitig ist fraglich, ob die angestrebte Senkung der Führerscheinkosten tatsächlich erreicht wird. Bezahlbarkeit ist ein wichtiges Ziel, sie darf aber nicht zulasten der Verkehrssicherheit gehen.

Gibt es konkrete Ideen, die man in die Reform einpflegen könnte?
Ja. Gemeinsam mit dem Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr (BADS), dem Institut für Prävention und Verkehrssicherheit (IPV), dem Verband der Fahrlehrerausbildungsstätten (BAGFA) und der Bundesvereinigung deutscher Verkehrspädagogen (BDV) setzen wir uns für ein verpflichtendes Modul zur Verkehrssicherheit und Gefahrenwahrnehmung (MVG) in Präsenz ein.

Unser Vorschlag sieht sechs Präsenzeinheiten à 90 Minuten in der Fahrschule vor, in denen insbesondere Gefahrenwahrnehmung, Risikoeinschätzung und verantwortungsbewusstes Verhalten vermittelt werden. Die übrigen theoretischen Inhalte könnten flexibel und digital erlernt werden. Damit verbinden wir die Vorteile digitaler Lernangebote mit der pädagogischen Begleitung durch qualifizierte Fahrlehrer.

Der Bundesrat hat ja bei der noch ausstehenden Entscheidung über die Fahrschulmodernisierungs-Verordnung die Möglichkeit, die Reform insbesondere durch ein verbindliches Präsenzmodul im Sinne der Verkehrssicherheit zu verbessern. 

Wichtig ist uns außerdem, dass die Fahrschule die erste Anlaufstelle für Fahrschüler bleibt. Sie übernimmt heute wichtige Aufgaben bei der Beratung, der Anmeldung und der Begleitung durch die gesamte Ausbildung. Diese Funktionen dürfen nicht unterschätzt werden. Auch Simulatoren können einen sinnvollen Beitrag leisten, wenn sie gezielt eingesetzt werden und die praktische Ausbildung ergänzen.

Eine Reform darf nicht nur auf dem Papier günstiger werden. Sie muss die tatsächlichen Führerscheinkosten senken und gleichzeitig eine hochwertige, sichere Fahrausbildung gewährleisten.


Weiterführende Informationen zum vorgeschlagenen "Modul für Verkehrssicherheit und Gefahrenwahrnehmung" finden Sie hier.



Welche Tipps und Hinweise haben Sie für Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer?
Ich kann nur dazu ermutigen, die aktuellen Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und sich aktiv in die politische Diskussion einzubringen. Suchen Sie auch das Gespräch mit Ihren Bundestags- und Landtagsabgeordneten vor Ort. Schildern Sie ihnen, welche Auswirkungen die geplanten Änderungen auf Ihre Fahrschule und die Ausbildung Ihrer Fahrschüler haben könnten. Fahrlehrer wissen aus ihrer täglichen Arbeit, wo zusätzliche Unterstützung notwendig ist und welche Ausbildungsinhalte besonders wichtig sind. Diese Erfahrungen müssen gehört und bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden.

Gleichzeitig wird es darauf ankommen, neue Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen und die eigene Ausbildungspraxis weiterzuentwickeln. Die persönliche Arbeit der Fahrlehrer bleibt dabei von zentraler Bedeutung. Keine Lern-App kann die pädagogische Verantwortung eines gut ausgebildeten Fahrlehrers vollständig ersetzen. Die Branche sollte selbstbewusst auftreten und deutlich machen, welchen Beitrag sie zur Verkehrssicherheit leistet.

Vielen Dank für das Interview!


Weiterführende Informationen zu den Positionen der MOVING inkl. des „Factsheet Führerscheinreform und Verkehrssicherheit“ finden Sie hier.



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