FAHRSCHULE: Wenn man sich aktuell in der Branche umhört, spürt man viel Unsicherheit. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr?
Katrin Geißler: Natürlich gibt es da viel Unsicherheit. Die Art wie Fahrschulen bisher Geld verdient und ihr Geschäft betrieben haben, wird durch die Reform komplett auf den Kopf gestellt. Viele Fahrschulen versuchen gerade, die Auswirkungen der Reform auf ihren Betrieb abzuschätzen und die richtige Balance zu finden. Denn auf der einen Seite kommen mit der Reform neue Pflichten auf die Fahrschulen zu, sie erhalten auf der anderen Seite aber auch mehr Freiheiten.
Michael Wenzel: Auch ich nehme als grundlegende Frage, die ich aus vielen Gesprächen mit meinen Kunden heraushöre, wahr: Wie kann ich in Zukunft Geld verdienen?
FAHRSCHULE: Und wie können Fahrschulen Geld verdienen?
Wenzel: Zum Beispiel mit Simulatoren. Das wird durch die Reform zu einem großen Hebel, weil sie laut Gesetzentwurf fast in der gesamten Ausbildung eingesetzt werden können. Nur Sonderfahrten sind ausgenommen. Auch bei B197 darf der Großteil der Ausbildung am Simulator gefahren werden. Die Ausbildung wird effizienter, weil Simulatorstunden auch so durchgeführt werden können, dass nicht unbedingt ein Fahrlehrer danebenstehen muss. Der Fahrlehrer kann parallel im Auto Fahrstunden machen und verdient quasi doppelt. Schülerinnen und Schüler können in Ruhe üben und brauchen keine Sorge haben, dass jemand hupt, wenn sie den Motor abwürgen.
FAHRSCHULE: Also Simulator hinstellen und fertig?
Wenzel: Nein, natürlich nicht! Das ist ein sehr guter Anfang, aber es gibt noch weitere Bausteine. Einer ist und bleibt der Unterricht. Aus meiner Sicht ist es einer der größten Fehler, den Fahrschulen jetzt machen können, dass sie sich nur auf Fahrstunden konzentrieren und keinen begleitenden, fahrpraktischen Unterricht mehr anbieten.
FAHRSCHULE: Wieso ist das ein Fehler – ist es nicht das, was den Fahrschulen nach der Reform bleibt?
Wenzel: Könnte man meinen, aber, das ist wirklich ein großer Irrtum und aus kaufmännischer Sicht absolut nicht empfehlenswert.
Geißler: Unterricht ist nach wie vor möglich! Es steht explizit im Gesetzesentwurf, dass die Fahrschule über das Ausbildungskonzept und die Art und Weise, wie sie Unterricht anbietet, selbst entscheiden darf. Und nur weil der dieser plötzlich nicht mehr verpflichtend ist und Fahrschüler allein per App für die theoretische Prüfung lernen können, heißt das nicht, dass es alle sofort auch so machen. Im Gegenteil. Wenn man nach Frankreich blickt, wo der Markt seit Jahren schon so läuft, wie es jetzt bei uns geplant ist, dann ist die Nachfrage immer noch da. Es gibt immer noch viele Schüler und vor allem auch Eltern, die Prüfungsvorbereitung und fahrpraktischen Unterricht in der Fahrschule wertschätzen und nutzen, um schneller zum Führerschein zu kommen. Getreu dem
Motto, lieber lasse ich es mir von einem Experten in wenigen Stunden erklären, als selbst wochenlang mühsam und allein zu lernen.
Wenzel: Und außerdem sind Fahrstunden im Vergleich zum Unterricht für die Fahrschule teuer. Im Unterricht kann ich ein Thema einmal erklären und 30 Leute haben es im besten Fall verstanden. Wenn ich das gleiche Thema im Auto erkläre, dann immer nur einer Person. Teurer als im Auto kann ich nicht ausbilden.
Geißler: Wenn man jetzt noch bedenkt, dass der bisherige Unterricht ja schon immer Theorie und Praxis verbunden hat, dann wird auch aus Sicht der Verkehrssicherheit klar, warum er nicht fehlen darf: Fahrpraktischer Unterricht sensibilisiert für Verkehrswahrnehmung und Gefahrenvermeidung, thematisiert wichtige Handlungsabläufe und macht Schüler so fit für die praktische Ausbildung.
FAHRSCHULE: Was sollten Fahrschulen Ihrer Meinung nach tun?
Geißler: Den Kaufmann in sich rausholen und das eigene Geschäft durchleuchten, und zwar wirklich von vorne bis hinten. Wo kommt Geld rein, wie hoch sind die Kosten, welche Verwaltungsprozesse kosten Zeit und Geld, wo kann ich Geld sparen?
FAHRSCHULE: Das klingt aufwendig.
Geißler: Ja das ist schon ein Stück Arbeit, aber es lohnt sich, denn damit lege ich die Basis für das Wachstum in den kommenden Jahren. Wenn ich einmal ein System gebaut habe, dass nach den neuen Spielregeln funktioniert, dann kann ich mit jedem Schüler mehr, der in meine Fahrschule kommt, mehr Geld verdienen – und zwar deutlich. Wenn ich dann effiziente Prozesse habe, die Fahrschüler schnell zum Führerschein bringe und beispielsweise einen Simulator effizient einsetze, dann wird der Führerschein für Schüler günstiger.
Wenzel: Außerdem müssen die Fahrschulen das nicht alleine machen. Wir Fachberater sind auch noch da. Auf unseren Medientagen gibt es dazu einen Workshop und wir haben einen Reform-Rechner gebaut, mit dem man ähnlich wie mit dem Simulator-Rechner, überprüfen kann, wie sich einzelne Entscheidungen auf das Gesamtergebnis in der Fahrschule auswirken. Das ist schon spannend zu sehen, wie positiv sich Unterricht im Gesamtergebnis auswirkt – oder Simulatoren oder die Einnahmen aus dem Lehrmittelverkauf. Damit kann man verschiedene Szenarien für
sich durchspielen und auf Basis dessen, dann fundierte Entscheidungen treffen. Und zwar nicht aus dem Bauch heraus, sondern auf Basis der eigenen Unternehmenszahlen.
Geißler: Zur Frage, was Fahrschulen jetzt tun sollen, möchte ich noch ergänzen, dass Fahrschulen Ihre Schüler beim Fragentraining nicht alleine lassen sollten. Klar wird es Fahrschüler geben die mit einer kostenlosen App super durch die Prüfung kommen, aber der Großteil der Fahrschüler braucht doch schon jetzt eine klare Struktur und Begleitung, um dranzubleiben und die Fragen regelmäßig zu wiederholen. Wenn jetzt die Bestehensquoten veröffentlicht werden, dann kann ich Fahrschulen nur raten, am besten weiterhin zweigleisig zu fahren. Mit Theorieunterricht, aber auch mit einer App, wie Fahren Lernen, die diese Struktur bietet und die Schüler und Schülerinnen gleichzeitig bei der Organisation unterstützt.
FAHRSCHULE: Wenn ich das zusammenfasse, klingt es fast so, als sollten Fahrschulen am besten alles so machen wie bisher: Theorieunterricht, App anbieten und Simulator fahren lassen, bevor es ins Fahrschulauto geht?
Geißler (lacht): Im Prinzip bleiben die Bausteine, die bisher eine Fahrschule erfolgreich gemacht haben, die gleichen. Sie müssen vor dem Hintergrund der Reform nur neu kombiniert werden. Jeder Fahrschulunternehmer darf für das eigene Geschäft prüfen, was sich für ihn lohnt und was nicht.
Wenzel: Ich sehe das genauso. Eine große Neuerung ist allerdings, dass Fahrschulen – und jetzt spreche ich als Vertriebler – Ihr Ausbildungskonzept und ihre Kompetenz als Fahrlehrer aktiver verkaufen müssen. Es wird ab Januar wichtig sein, dass Fahrschulen vor Ort und online sichtbar sind und sich selbstbewusst als Experte für alle Führerscheinfragen positionieren.
FAHRSCHULE: Frau Geißler, abschließend eine persönliche Frage zum Stichwort Wandel: Sie sind seit Mitte Juli Geschäftsführerin des Verlag Heinrich Vogels. Sie haben Ihre Position zu einem Zeitpunkt angetreten, als auch der Verlag von Umbrüchen geprägt war und immer noch ist. Was ist Ihre Strategie, um den Wandel zu meistern?
Geißler (nachdenklich): Das stimmt. In letzter Zeit hat es den Verlag deutlich durchgeschüttelt. Viele Personen, die das Unternehmen jahrelang in den unterschiedlichsten Rollen geführt und geprägt
haben, gehen nun andere Wege. Aber auch hier sehe ich es so, wie eben in Bezug auf die Fahrschulen erklärt: Die Bausteine, die den Erfolg des Unternehmens ausgemacht haben, sind die gleichen.
Es sind die Produkte, die ja nicht von jetzt auf gleich andere sind, nur weil an der Spitze des Unternehmens andere Menschen stehen. Es war schon immer ein ganzes Team von Entwicklern, Produktmanagern und Designern, welche die Funktionen und das Design von Fahren Lernen, PC Professional, den Simulatoren und dem Fahrschul-Manager weiterentwickelt und maßgeblich
vorangetrieben hat. Auch an der Hotline, im Vertrieb und Marketing haben viele Menschen in täglichen Interaktionen, dem Verlag ein Gesicht gegeben. Vielleicht nicht so stark, wie die Personen,
die das Unternehmen verlassen haben – aber das kann sich ja ändern. Es ist an der Zeit diese Menschen, die unsere erfolgreichen Produkte entwickeln, jetzt sichtbarer zu machen.
FAHRSCHULE: Also auch eine Chance?
Geißler: Ja sicher! Auch hier liegt das Erfolgsrezept, den Wandel zu meistern, in der richtigen Mischung von Kontinuität und neuen Impulsen.
Vielen Dank für das Interview! (Das Interview ist in FAHRSCHULE Ausgabe 9 / 2026 erschienen)